Relaxen in Moabit

Dicker Engel in Moabit: Das Wirts­haus am U‑Bhf. Birken­straße hat Tische vors Haus gestellt, unter einer großen Markise sitzen 20 Gäste im Schat­ten, nebenan knallt die Sonne vom Himmel, aber hier ist es leicht windig und ange­nehm kühl. Jetzt um die Mittags­zeit bestel­len einige ein warmes Mittag­essen, mir reicht eine Berli­ner Weiße. Während der wich­tigs­ten WM-Spiele stand immer der Fern­se­her drau­ßen, auch Passan­ten konn­ten zuschauen, nun ist es aber rela­tiv ruhig.

Die Musik aus dem Gast­raum mischt sich mit dem Glocken­ge­läut einer Kirche, nur wenige Autos fahren vorbei. Dafür viele Jungs auf ihren Fahr­rä­dern, die zahl­rei­chen kinder­wa­gen­schie­ben­den Frauen erwe­cken den Eindruck, dass dass hier eine frucht­bare Gegend ist. Die Birke vor dem Lokal streicht mit ihren tief­hän­gen­den Zwei­gen den Passan­ten über die Köpfe, es hat etwas zärt­li­ches. Auch auf der ande­ren Stra­ßen­seite sitzen Menschen vor einem Lokal, rela­xen, die Gegend ernährt mehrere Wirte.
Ein klei­ner Junge, nicht älter als fünf oder sechs Jahre, läuft neugie­rig durch die Tische und das Gast­haus. Seine Mutter auf dem Bürger­steig, etwas versteckt, beob­ach­tet ihn heim­lich. Nach seiner Entde­cker­tour kommt er stolz mit zwei Bier­de­ckeln in der Hand wieder heraus, entdeckt seine Mama und winkt ihr fröh­lich zu. Eine weiß­haa­rige Frau schlurft heran, sucht sich einen Platz und zieht erst mal ihre Schuhe aus. Sie wird freund­lich von der Bedie­nung begrüßt, kurz danach erhält sie ihr Mittag­essen. Aus dem U‑Bahnhof kommen mehrere Türken oder Araber, man kennt sie hier. Immer wenn unten Drogen­raz­zia ist, vertei­len sie sich, selten wird einer von ihnen erwischt. Eine kleine Gruppe Fußball­fans spaziert vorbei, sie sind auf dem Weg zur Fanmeile, heute ist der letzte WM-Tag. Für welche Mann­schaft sie sind, lässt sich nicht genau bestim­men, ich sehe die deut­sche Fahne, die italie­ni­sche und die fran­zö­si­sche, aller­dings hat ein Junge gleich­zei­tig ein Trikot von Brasi­lien an.

Zwei junge Schwule gehen ins Gast­haus und kommen gleich darauf enttäuscht wieder heraus. Sie woll­ten ein paar Runden Billard spie­len, aber am Sonn­tag ist der Tisch für den Brunch reser­viert. Trotz­dem blei­ben sie, bestel­len sich Eiskaf­fee und turteln in einer Ecke mitein­an­der.
Wer in die Gast­stube geht, kommt auto­ma­tisch an dem drei Meter großen Engel aus Papp­ma­ché vorbei. Ruhig schwebt er an der Decke, schaut auf die Gäste nieder und lässt seinen Blick nach außen schwei­fen. Hier beob­ach­tet er uns, die an einem schö­nen Sonn­tag­mit­tag im Schat­ten rela­xen. Es ist ein fried­li­cher Sommer­tag.

Der Dicke Engel wurde im Früh­jahr 2023 geschlos­sen

Foto: Website Dicker Engel

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