Sterben für das Vaterland

Hände­rin­gend sucht die Bundes­wehr derzeit nach frei­wil­li­gen Rekru­ten. Die Geschichte zeigt: Das Verhält­nis der Deut­schen zur Kriegs­be­reit­schaft war immer komplex

Die Debatte um den frei­wil­li­gen Dienst an der Waffe oder Wehr­pflicht dürfte nicht beson­ders ergeb­nis­of­fen sein, denn die Erfah­run­gen der letz­ten Jahre zeigen, dass es der Bundes­wehr nicht gelun­gen ist, genü­gend Nach­wuchs anzu­wer­ben. Die geplante Erwei­te­rung wird also zumin­dest einen deut­li­chen Pflicht­an­teil brau­chen, denn nach dem neuen poli­ti­schen Konsens über die russi­sche Bedro­hung wird eine Trup­pen­stärke von 260.000 plus 200.000 Reser­vis­ten notwen­dig.

Immer­hin konnte Deutsch­land trotz der knap­pen Perso­nal­de­cke zwischen 2001 und 2021 in einem rotie­ren­den System rund 93.000 Solda­tin­nen und Solda­ten nach Afgha­ni­stan entsen­den. Laut Statista sind davon 53 gefal­len und mindes­tens 245 verwun­det worden. Der Einsatz war frei­wil­lig, aller­dings lockte eine nach Gefähr­dungs­stu­fen gestaf­felte steu­er­freie Zulage zum Sold von 48 bis zu 145 Euro pro Tag.

Auf der Seite der Alli­ier­ten kämpf­ten erheb­li­che Kontin­gente von Söld­nern, gestellt von den großen Private Mili­tary Compa­nies (PMCs), mit Tages­ga­gen von 1000 Dollar und mehr. Mithilfe des Sonder­ver­mö­gens könnte die Bundes­wehr eine wesent­lich attrak­ti­vere Vergü­tung anbie­ten als bisher. In der Planung ist inzwi­schen ein Sold von mindes­tens 1800 Euro.

Das Ende des Kalten Krie­ges und die Frie­dens­di­vi­dende haben nicht nur den Rück­bau der Bundes­wehr einge­lei­tet, sondern auch alles Solda­ti­sche weit­ge­hend aus dem öffent­li­chen Leben verschwin­den lassen. In den übrig­ge­blie­be­nen Garni­sons­städ­ten und den US-Stütz­punk­ten wie Ramstein oder Wies­ba­den spie­len sie noch eine wirt­schaft­li­che Rolle, aber Unifor­men sieht man eher im Fern­se­hen als im Stra­ßen­bild.

Natür­li­cher Selbst­er­hal­tungs­trieb

Die Jugend hat sich längst daran gewöhnt, dass die Wehr­pflicht ausge­setzt ist. Aller­dings sieht sie die russi­sche Bedro­hung, wie sie die Poli­tik gerade darstellt, auch mit Besorg­nis. Nach einer neuen Studie der Fried­rich-Ebert-Stif­tung unter dem Namen „Secu­rity Radar 2025“ glau­ben 26 Prozent der Deut­schen an die Möglich­keit eines drit­ten Welt­kriegs, 43 Prozent schlie­ßen das aus – so wie auch 61 Prozent der befrag­ten Russen.

Die tägli­che Bericht­erstat­tung über den Ukrai­ne­krieg und Gaza, auch wenn eher Explo­sio­nen aus der Ferne und bren­nende Häuser gezeigt werden als verwun­dete Solda­ten, beun­ru­higt trotz­dem die Bevöl­ke­rung. Welche Schlüsse die Gene­ra­tion Z aus der Bedro­hungs­lage zieht, wird unter­schied­lich bewer­tet. Eine Unter­su­chung des Augs­bur­ger Insti­tuts für Gene­ra­tio­nen­for­schung sieht wenig Bindung zu Deutsch­land und entspre­chend keine oder sehr geringe Bereit­schaft, die Heimat zu vertei­di­gen.

Zu einem ande­ren Ergeb­nis kommt das Zentrum für Mili­tär­ge­schichte und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten der Bundes­wehr (ZMSBw), das jähr­li­che Befra­gun­gen durch­führt. Der Anteil der wehr­be­rei­ten jungen Menschen sei im Vergleich zu 2021 um zehn Prozent­punkte gestie­gen. Eine deut­li­che Mehr­heit der Männer unter 30 Jahren, 60 Prozent der Befrag­ten, wäre bereit, im Vertei­di­gungs­fall mit der Waffe zu kämp­fen und auch jede fünfte junge Frau würde sich mili­tä­risch enga­gie­ren.

Wie weit der berühmte Slogan der Frie­dens­be­we­gung, „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“, der in den Sieb­zi­ger­jah­ren aus den USA nach Deutsch­land kam, heute noch die Gene­ra­tion Z beein­druckt, ist unge­wiss. Das könnte klarer werden, wenn die Bundes­re­gie­rung Beschlüsse zur Wehr­pflicht gesetz­lich veran­kert und Einbe­ru­fun­gen dann spür­bar werden. Ob das aller­dings auch die Kriegs­tüch­tig­keit im Sinne einer persön­li­chen Bereit­schaft schafft, für Deutsch­land zu ster­ben, ist nicht ausge­macht.

Die Kriegs­be­geis­te­rung in Deutsch­land beim Ausbruch des Ersten Welt­kriegs verflog rasch in den zerbomb­ten Mond­land­schaf­ten und Schüt­zen­grä­ben Nord­frank­reichs und war nach der Nieder­lage 1918 gänz­lich verschwun­den. Der Zweite Welt­krieg begann weit­ge­hend ohne Begeis­te­rung, auch wenn die Blitz­siege die Stim­mung am Anfang verbes­ser­ten.

1945 waren acht Millio­nen Deut­sche und 27 Millio­nen Sowjet­men­schen tot, die Mehr­heit gefal­lene Solda­ten. Die Bereit­schaft, sein Leben einzu­set­zen oder zu opfern, wider­strebt dem natür­li­chen Selbst­er­hal­tungs­trieb. Deshalb geht es auf dem Schlacht­feld, im Deut­schen ohne­hin eine unan­ge­nehm zwei­deu­tige Bezeich­nung, um das eigene Über­le­ben, oft genug durch das Töten der Gegner.

Der ameri­ka­ni­sche Ranger-Vete­ran und Psycho­loge Dave Gross­man hat 1995 in seinem Buch „On Killing“ die psycho­lo­gi­schen Folgen analy­siert, die das Töten bei Solda­ten auslöst. Die natür­li­che Tötungs­hem­mung könne zwar durch Drill, Kame­rad­schaft, Ideo­lo­gie, Drogen und den Ernst­fall unter­drückt werden. Der persön­li­che Preis für die Vete­ra­nen werde aber immer höher, für viele mit psychi­schen Proble­men und hohen Selbst­mord­ra­ten.

Nach Gross­man nutz­ten im Zwei­ten Welt­krieg nur 15 bis 20 Prozent der ameri­ka­ni­schen Solda­ten ihre Gewehre, um zu töten. Im Korea-Krieg schos­sen schon 55 Prozent gezielt auf den Feind, in Viet­nam 90 bis 95 Prozent. Die Lehren aus Gross­mans neuer Forschungs­rich­tung „Killo­lo­gie“ sind längst in die Ausbil­dung der US-Armee inte­griert, bei der Bundes­wehr soll­ten sie wenigs­tens bekannt sein, aber bisher ohne wirk­li­che Ernst­fall-Szena­rien.

In den angel­säch­si­schen Armeen steht AWOL für „absent without leave“ oder uner­laub­tes Fern­blei­ben von der Truppe. Nach 30 Tagen Abwe­sen­heit wird von Deser­tion ausge­gan­gen, die USA setzen dazu noch die Absicht voraus, nicht wieder­zu­kom­men. Die Stra­fen reichen von Sold­ent­zug bis zur uneh­ren­haf­ten Entlas­sung und Gefäng­nis.

Die ukrai­ni­sche Armee hat seit länge­rem erheb­li­che Probleme mit AWOL und Deser­teu­ren. Je unwahr­schein­li­cher ein Sieg gegen Russ­land erscheint, desto schwie­ri­ger wird es, die Kampf­mo­ral an der Front aufrecht zu erhal­ten und genü­gend weitere Kämp­fer auszu­bil­den. Seit Februar 2022 haben nach Schät­zun­gen des UNHCR fast sieben Millio­nen Ukrai­ner das Land verlas­sen. Nach Anga­ben des Bundes­in­nen­mi­nis­te­ri­ums leben rund 260.000 wehr­pflich­tige ukrai­ni­sche Männer in Deutsch­land.

Die deut­schen Medien berich­ten dras­tisch über die „Menschen­fän­ger“ der ukrai­ni­schen Wehr­be­hör­den, die Männer auf der Straße verhaf­ten und an die Front brin­gen. Nach ukrai­ni­schen Quel­len sind zum 1. Juni 2025 insge­samt 213.722 Deser­tio­nen offi­zi­ell regis­triert worden. Im letz­ten Jahr wurden fast 90.000 neue Straf­ver­fah­ren eröff­net, drei­ein­halb­mal mehr als 2023. Beklagt wird vor allem die korrupte Praxis, sich von Stel­lungs­be­feh­len mit Geld frei­zu­kau­fen.

Über wehr­pflich­tige Russen, die sich dem Einsatz in der Ukraine durch Abset­zen ins Ausland entzo­gen haben, gibt es weni­ger Erkennt­nisse. Der Verein Connec­tion, der inter­na­tio­nal Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung unter­stützt, schätzt, dass 250.000 wehr­pflich­tige Russen das Land verlas­sen haben. Nach Anga­ben des Bundes­amts für Migra­tion haben etwa 3500 dieser Russen in Deutsch­land Asyl bean­tragt, in der EU um die 10.000, aber die aller­meis­ten werden abge­lehnt.

Deser­tio­nen waren auch im Zwei­ten Welt­krieg ein erheb­li­ches Problem für die Armee­füh­run­gen in Deutsch­land und in der Sowjet­union. Aus der Wehr­macht deser­tier­ten 350.000 bis 400.000 Solda­ten. Die Mili­tär­jus­tiz verur­teilte davon rund 30.000 zum Tode, etwa 23.000 Urteile wurden auch voll­streckt. Andere wurden in Straf­ba­tail­lone versetzt, was einem Todes­ur­teil fast gleich­kam.

Feig­heit vor dem Feind

Die Feld­gen­dar­me­rie, wegen ihrer dicken Hals­ket­ten auch Ketten­hunde genannt, fahn­dete in Sonder­kom­man­dos hinter der Front nach Deser­teu­ren. Wehr­kraft­zer­set­zung oder Feig­heit vor dem Feind waren schwere Delikte, deren Straf­maß verschärft wurde, je länger der Krieg dauerte. Auch die Rote Armee ging mit äußers­ter Härte gegen „Feig­heit“ und „Defä­tis­mus“ vor, indem sie Spezi­al­ver­bände des NKWD, der Sicher­heits­be­hörde Stalins, hinter den eige­nen Trup­pen einsetzte, um Deser­teure und zurück­wei­chende Solda­ten zurück an die Front zu zwin­gen oder zu erschie­ßen.

Der Mangel an Frei­wil­li­gen und die gleich­zei­tige Über­al­te­rung des Perso­nal­be­stands der Bundes­wehr zwin­gen zu neuen Lösun­gen. Das Vertei­di­gungs­mi­nis­te­rium arbei­tet an einem soge­nann­ten Auswahl­wehr­dienst, der mithilfe eines Frage­bo­gens die „fittes­ten, geeig­nets­ten und moti­vier­tes­ten“ jungen Menschen auf frei­wil­li­ger Basis rekru­tie­ren will. Dem Grund­wehr­dienst von sechs Mona­ten soll sich dann, eben­falls frei­wil­lig, eine Spezi­al­aus­bil­dung von bis zu 23 Mona­ten anschlie­ßen, um die Absol­ven­ten dann in die Reserve aufzu­neh­men.

Die Aufgabe ist schwie­rig, denn seit Beginn des Ukrai­ne­krie­ges sind die Bewer­bun­gen zurück­ge­gan­gen und Zeit­sol­da­ten sind früh­zei­tig ausge­stie­gen. Die demo­gra­fi­sche Entwick­lung der letz­ten Jahr­zehnte hat den Anteil der unter 25-Jähri­gen an der Gesamt­be­völ­ke­rung auf zehn Prozent fallen lassen. Einge­bür­ger­ten Deut­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund steht die Bundes­wehr offen, aktu­elle Zahlen sind aber kaum zu finden. Laut einer inter­nen Studie der Bundes­wehr von 2016 haben 14,4 Prozent der Beschäf­tig­ten einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund, 26 Prozent sind es in den Mann­schafts­gra­den.

Der geplante „Aufwuchs“ der Truppe wird sich auf abseh­bare Zeit schwie­rig gestal­ten, ebenso wie die Umstel­lung auf neue Waffen­sys­teme nach den Erfah­run­gen im Ukrai­ne­krieg. Noch ist die Nato insge­samt der Russi­schen Föde­ra­tion mili­tä­risch über­le­gen, mit der Trup­pen­stärke ein wenig, aber bei Panzern, Flug­zeu­gen und Marine sehr deut­lich, auch ohne den Schutz­schirm der USA.

Wolf­gang Sach­sen­rö­der
Hat als Poli­tik­be­ra­ter in Asien, im Mitt­le­ren Osten und in Südost­eu­ropa gear­bei­tet. Seit 2009 lebt er wieder in Singa­pur und hat Arti­kel sowie Sach­bü­cher zur regio­na­len Poli­tik veröf­fent­licht.

Foto: Bundes­wehr-Fotos

Wiki­me­dia Commons, CC BY 2.0

[ Dieser Text erschien zuerst in der Berli­ner Zeitung und steht unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 ]

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