In einer Fortbildung zur Demokratieförderung stellt unsere Autorin unangenehme Fragen – und wird vor die Tür gesetzt. Das demokratische Miteinander ist ein wichtiges Gut, doch seine Verteidigung wird mitunter sehr gegensätzlich angegangen.
Ich habe überlegt, diesen Text unter Pseudonym zu schreiben, aber das wäre falsch. Schließlich geht es um Demokratie, um Meinungsfreiheit. Dafür will ich kämpfen, und deshalb besuche ich eine Fortbildung zur „Demokratieförderung“, obwohl ich über den Begriff stolpere, weiß nicht genau, warum. Weil das nach Kita klingt? Nach Herablassung und Belehrung? Die Teilnahme erfolgt nicht in meiner Eigenschaft als Autorin, deshalb nenne ich hier keine Details wie Ort, Zeitpunkt oder Namen – außer meinen eigenen. Ich hatte vorher nicht die Absicht, über die Fortbildung zu schreiben, kann nun jedoch nicht anders, weil sie mich schockierte. Es schien eher um Demokratiebehinderung zu gehen, und davon will ich hier erzählen.
Das Thema ist für mich kein Neuland. Ich habe eine mehrere Module umfassende, ehrenamtliche Fortbildung zur Demokratieberaterin hinter mir, bei der Diakonie. Die war gut: streitbar, offen, transparent, konkret, praxisbezogen. Nun jedoch gerate ich an eine – übrigens mit Steuergeld finanzierte und allseits anerkannte – Referentin, deren Powerpoint- und sonstige Präsentation statt Meinungsvielfalt bedrückende Einfalt verbreitet.
Geht es hier ums Missionieren?
Eine ihrer Folien zeigt das Ergebnis einer oft zitierten Meinungsumfrage: Während 1990 noch 78 Prozent der Deutschen fanden, sie könnten ihre politische Meinung frei sagen, waren es 2023 nur noch 40 Prozent. Die Referentin empört sich darüber. Überhaupt bricht alles, was sie sagt, im Brustton der Leidenschaft aus ihr hervor. Ich werde misstrauisch: Geht es hier weniger ums Informieren, denn ums Überzeugen oder gar Missionieren?
Eigentlich mag ich Menschen, die für ihre Sache brennen, aber eine Fortbildung, denke ich, sollte sich von Aktivismus unterscheiden. Ihren Eifer verwechselt sie mit „der Wissenschaft folgen“, „Haltung zeigen“ und „Kampf gegen rechts“. Sich über die Umfragewerte gemeinsam Gedanken zu machen, ist dabei anscheinend nicht das Ziel. „Das ist lächerlich!“, befindet die Referentin, jeder könne sich jederzeit frei äußern, denn Meinungsfreiheit bedeute nicht Widerspruchsfreiheit.
Es folgen Schlagworte wie Chemtrails, jüdische Weltverschwörung, Rechtspopulisten, Corona-Leugner und andere, kombiniert mit der Klarstellung, „die sind alle dumm“. Sie nennt Medien, die ebenfalls ausschließlich „Dummheit“ und Verschwörungserzählungen verbreiteten. Das Ganze rahmt sie mit: „Alles rechts“.
Schließlich sortiert sie die Verschwörungsgläubigen, als handle es sich um Fruchtfliegen bei einem biologischen Experiment: „Diese Sorte Deppen ist verloren – bei denen hier kann man noch andocken und in die richtige Richtung lenken.“ Durch „Faktenchecking“.
Aber wo bleiben die Fakten? Sind Leute, die Geschichten über Chemtrails glauben, genauso verblendet wie Leute, die Bedenken haben wegen der Macht der Pharmaindustrie? Ist der Verdacht, Elvis sei gar nicht tot, genauso gefährlich wie antisemitische Propaganda? Sind alle Verschwörungsmythen im Kern „rechts“, mithin der Weltherrschaft des Bösen dienend? Alles eine üble braune Sauce, die jeden, der in ihre Nähe kommt, beschmutzt und verdächtig macht? Das kommt mir zu einfach vor, und ich wüsste es gern genauer, verliere jedoch das Vertrauen in die Sachkompetenz der Workshopleitung. Je mehr sie redet, desto mehr klingt diese Referentin selbst wie eine wandelnde Verschwörungstheorie.
„Meinst du nicht“, wage ich einzuwenden, „dass man politische Meinungen unterscheiden sollte von Verschwörungstheorien?“ Sie schüttelt unwillig den Kopf. „Nicht alles, was in den von dir als ‘rechtsesoterisch’ geframten Medien steht, ist Müll“, versuche ich es weiter und wage eine ironische Intervention: „Manchmal haben sogar Verschwörungsgläubige einen Punkt.“
An diesem Punkt flippt sie aus, gestikuliert wild, ihre Stimme, noch lauter jetzt, wird panisch. „Du bist graue Mitte“, giftet sie, „Multischwurbel! Du relativierst den Faschismus! Du gefährdest den Kampf gegen rechts!“ Ich bin gekränkt, fühle mich zu Unrecht ins Unrecht gesetzt – Schwurbel? Faschismus? Und beunruhigt, wie schnell jemand – ich! – zum Feind werden kann. Nur weil ich mich nicht fraglos einschwören lasse auf das große antifaschistische Klassensystem der „Guten“ gegen die „Rechten“?
Aufgewühlt stehe ich auf, missverstanden, will erklären, wie ich es meine, wende mich zur Gruppe: „Sollte man nicht beim Kampf gegen rechts über den richtigen Weg streiten?“ Doch die Referentin lässt auch diese Frage nicht zu und unterbricht mich: „Nein, du arbeitest den Rechten in die Hände!“ Oder hat sie gesagt, das arbeitet den Rechten in die Hände? Jedenfalls ist es ein Urteil, das nicht nur alles, was ich noch sagen könnte, sondern auch mich als Person disqualifiziert.
Schon öfter habe ich erlebt: Wer demokratie-retterische Glaubenssätze hinterfragt, macht sich unbeliebt. Sicherer ist, selbst ernannten „Faktencheckern“ als säkularen Priestern der Demokratie zu huldigen und jedes Wort zu glauben. Bloß nicht auf die blinden – demokratiegefährdenden! – Flecken der Selbstgewissen deuten, jeder Zweifel spielt den Rechten in die Hände! „So jemanden wie dich dulde ich in meinem Workshop nicht“, verkündet die Referentin und zeigt auf die Tür, „geh!“ Ich fürchte, auf diese Weise geht der Kampf gegen rechts nach hinten los – er schießt auf die eigenen Leute. Und arbeitet fleißig den Rechtsextremen in die Hände.
Sachliche Diskussion
Die Veranstalter schicken als Antwort auf meine Mail eine Bitte um Entschuldigung. Man versichert mir, dass Einwände und sachliche Diskussion erwünscht seien. Von Referentinnen und Referenten werde erwartet, mit kritischen Äußerungen souverän umzugehen – insbesondere dann, wenn es um Demokratie gehe. Man habe daraus gelernt und werde die Dozentinnen und Dozenten in Zukunft vorab besser prüfen. Ob eine gründliche Recherche in diesem Fall allerdings geholfen hätte, ist fraglich. Die betreffende Referentin ist in der Szene anerkannt, hat Auszeichnungen erhalten, ihr Verein ist gemeinnützig.
Eine Workshop-Teilnehmerin treffe ich einige Tage später im Rahmen einer anderen Veranstaltung. Sie zeigt sich solidarisch mit mir und erzählt, dass die Teilnehmer nach meinem Rauswurf versucht hätten, mit der Referentin zu diskutieren – ohne Erfolg. Sie habe alles abgeblockt und den Workshop dann abgebrochen.
Katharina Körting
Freie Autorin. Im Februar erschien ihr politischer Roman „Marlenes Kampf im Wahlkampfgeschäft. Wie professionelle Politwerbung die Demokratie bedroht“.
[ Dieser Text erschien zuerst in der Berliner Zeitung und steht unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 ]

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