In den 1930er-Jahren rettete John Rabe Tausenden Chinesen das Leben. Liu Heinang übersetzt die Tagebücher des Deutschen.
Vorm chinesischen Nationalfeiertag am 1. Oktober erinnerte das chinesische Kulturzentrum in Berlin mit einer Ausstellung an John Rabe („Weltgedächtnis und Friedensvision. Das Nanjing-Massaker in den Augen von John Rabe und anderen deutschen Zeitzeugen“). Zwei Tage später würdigte Chinas Botschafter auf dem Empfang zum 76. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik Rabe explizit als „den guten Deutschen“. Nur wenige in Deutschland aber kennen Rabe, der in Berlin-Charlottenburg begraben ist und in China als „Oskar Schindler Asiens“ verehrt wird. Zu den wenigen zählt der Germanist Liu Heinang, der die Tagebücher Rabes ins Chinesische überträgt. In Nanjing sprachen Fritz und Frank Schumann mit ihm.
Sie sitzen an den Übersetzungen der Tagebücher John Rabes. Rabe war in den Dreißigerjahren Geschäftsführer der Siemens-Niederlassung in Nanjing. Der gelernte Hamburger Kaufmann, Jahrgang 1882, war für Siemens schon seit 1911 in China tätig. Wie sind Sie auf ihn gestoßen?
Der Volksverlag in Nanjing ist 1996 an mich herangetreten, ich solle ein Buch aus dem Deutschen übersetzen – das Tagebuch von John Rabe. Er sei der Oskar Schindler Chinas, hieß es.
Auf Schindler wurde die Welt auch erst aufmerksam, als ihn Hollywood entdeckte, damals, in den Neunzigerjahren. Steven Spielbergs Spielfilm „Schindlers Liste“ bekam sieben Oscars und war weltweit auch kommerziell sehr erfolgreich.
Das stimmt. Das erfuhr ich aber alles erst später. Von John Rabe hatte ich bis dato noch nie etwas gehört. Ich musste mich erst informieren, als der Auftrag an mich herangetragen wurde. Ich war damals Deutschlehrer an der Universität in Nanjing. Das über zweieinhalbtausend Jahre alte Nanjing war in den Dreißigerjahren Hauptstadt der 1912 gegründeten Republik China. Das faschistische Japan führte seit 1931 Krieg gegen China und eroberte die Millionenstadt am 13. Dezember 1937. Binnen sechs Wochen schlachteten die Invasoren an die dreihunderttausend Menschen ab. Auch wenn es in anderen chinesischen Orten vergleichbare Massaker gab, war dies das blutigste. Vielleicht war es sogar das größte der Menschheitsgeschichte. Rabe hatte mit den in der Stadt verbliebenen Ausländern ein Internationales Komitee gebildet, das eine neutrale Sicherheitszone von etwa vier Quadratkilometern einrichtete, in der Chinesen Schutz finden sollten. Auf Rabes Grundstück, also die Siemensvertretung mit Wohnhaus und separatem Office, flüchteten über sechshundert Chinesen. Das Anwesen Nr. 1 Xiaofenqiao ist keine fünfhundert Quadratmeter groß. Es haben dort entsetzliche Zustände geherrscht. Und das über Wochen, bis das Massenmorden außerhalb der Mauern endete.
Rabe hatte damals minutiös über die Vorgänge Tagebuch geführt, sechs Kladden mit Text und Fotos. Die wurden sechzig Jahre danach interessant. Vermutlich war der Welterfolg von „Schindlers Liste“ daran nicht ganz unschuldig, dass Rabes in China geborene Enkelin Ursula Reinhardt das Buch in New York auf einer Pressekonferenz präsentierte. Der Volksverlag kam also danach zu Ihnen und bat Sie um die Übersetzung.
Ja. Der Verlag hatte den Auftrag von ganz oben bekommen, das in Aussicht gestellte Honorar war auch gut. Aber: Es sollte schnell gehen. Ein Vierteljahr gaben sie mir dafür. Das reicht nicht, sagte ich, ich kenne den Autor doch gar nicht. Es ist für mich ein Grundprinzip, dass ich mich vorher über einen Verfasser, dessen Text ich übersetzen soll, und das historische Umfeld, in dem er schrieb, ausreichend informiere. Gut, sagte der Verlag, dann solle ich in die 1985 eröffnete Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Nanjing gehen. In der Museumsausstellung findet sich einiges zu Rabe, auch eine Ausgabe seines Tagebuchs, und der Leiter der Einrichtung werde mich über den Autor informieren. Das tat er.
Was erfuhren Sie?
Dass Rabe von den Verbrechen der Japaner entsetzt gewesen war und an seinen Führer in Berlin die Bitte gerichtet hatte, mäßigend auf seinen Verbündeten einzuwirken. Es gab schließlich die Achse Berlin–Tokio. Die beiden faschistischen Staaten hatten vor Jahresfrist einen sogenannten Antikominternpakt geschlossen.
Sollen wir mal raten: Hitler hat darauf nicht reagiert.
Rabe wurde im Februar 1938 von Siemens aus China abgezogen. Er hielt aber Vorträge über die von ihm erlebten Kriegsverbrechen der Japaner – und bekam Besuch von der Gestapo. Es wurden die in seinem Besitz befindlichen Filmaufnahmen eines amerikanischen Missionars aus Nanjing beschlagnahmt, auch seine Tagebücher, und er selbst kam in Haft. Dort blieb Rabe nicht lange. Er erhielt die Tagebücher zurück und die Weisung, über das Gesehene zu schweigen. Daran hielt er sich.
Nach dem Krieg galt er, weil NSDAP-Mitglied, als belastet. Siemens stellte ihn nicht ein, solange er nicht entnazifiziert worden war, und die Briten mochten Rabe keinen Persilschein ausstellen, weil er doch in Nanjing den dortigen Nazi-Häuptling gelegentlich vertreten hatte.
Rabe ging es damals wirtschaftlich und gesundheitlich miserabel, er war schon geraume Zeit Diabetiker. Hilfe kam jedoch aus Nanjing: Die Chinesen stellten ihm einen guten Leumund aus und schickten zweitausend Dollar. Und via Schweiz sandte Nanjings Bürgermeister Shen Yi im März 1948 Milchpulver, Fleisch, Wurst und Tee nach Berlin. Rabe dankte zweimal dem vom Stadtparlament in Nanjing ins Leben gerufenen Spendenausschuss, der ihm fortan jeden Monat ein Lebensmittelpaket zukommen ließ. Siemens stellte ihn wieder ein, allerdings nur als schlecht bezahlten Dolmetscher. Nach einem Schlaganfall ist John Rabe dann Anfang 1950 in Berlin verstorben.
Sie bekamen also die Kopie der einbändigen Tagebuch-Version mit der Maßgabe, sie in drei Monaten zu übersetzen?
Dazu hätte ich ein Jahr benötigt. Also holte ich mir noch sechs Kollegen von der Universität dazu. Wir schafften es in der Frist, aber ich war mit dem Resultat nicht zufrieden. Die Übersetzung war korrekt, authentisch wie man sagt, aber stilistisch nicht einheitlich. Nach zwei, drei Jahren war die erste Auflage verkauft. Da wünschte der Verlag eine zweite Auflage.
Wie hoch war die Erstauflage?
Ich glaube so um die 100.000.
Und die zweite Auflage?
Keine Ahnung, wie viele Exemplare davon gedruckt wurden. Ich kann nur sagen, dass meiner Bitte entsprochen wurde und ich allein eine neue Übersetzung anfertigen durfte. Sie war stilistisch aus einem Guss. Der Verlag wünschte das als eine Art Sonderausgabe für die jüngere Generation. Die Untersuchungen des Internationalen Sicherheitskomitees haben wir weggelassen. Dort waren Aussagen der Japaner mit ausführlichen Schilderungen ihrer Bestialitäten enthalten. Man muss für Kinder beispielsweise die Vergewaltigung von Frauen und andere grauenhafte Exzesse nicht detailliert wiedergeben, damit sie begreifen, was damals geschah. Ich folgte den Intentionen Rabes, der sich einer fast emotionsfreien Sprache bediente. Er beschrieb sachlich, was er selbst gesehen hatte.
Beamtendeutsch, weil er es nicht anders konnte oder wollte? Oder war er naiv? Wie konnte er beispielsweise annehmen, dass Hitler auf seine Bitte um Intervention in Tokio positiv reagieren würde?
Ich glaube nicht, dass Rabe naiv war. Er war ein Humanist, ein idealistischer Menschenfreund. Der gebürtige Hamburger hatte vor seinem China-Einsatz in Afrika gearbeitet, er war nicht nur polyglott, sondern auch multikulturell. Er war kein überzeugter Nationalsozialist. Ich weiß, dass insbesondere im heutigen Deutschland unterstellt wurde, dass mit der Aufmerksamkeit für den „guten Nazi Rabe“ die Verbrechen der deutschen Faschisten in den Hintergrund verschoben werden sollten. Vermutlich bin ich zumindest in China der beste Kenner dieses Mannes: Ihm geschieht Unrecht, wenn man Rabe auf die Funktion eines Feigenblatts reduziert. Er hätte sich auch dagegen verwahrt.
Worin unterscheidet sich der eine Band, welcher in deutscher Sprache in Gänze noch nie gedruckt wurde, wohl aber in anderen Sprachen vorliegt, von den ursprünglich sechs Tagebüchern?
Rabe hat alle erklärenden zeitgenössischen Dokumente, insbesondere Zeitungsausschnitte, in seine sechs in China entstandenen Tagebücher aufgenommen. Nach seiner Rückkehr in Berlin hat er daraus die Dokumente entfernt und einen einzigen Band über die Monate von August 1937 bis Februar 1938 gemacht. Dieses Buch schickte er an den Führer.
Beschäftigen Sie sich noch immer mit Rabe?
Selbstverständlich, dazu fühle ich mich verpflichtet. Aktuell arbeite ich an einer kommentierten Ausgabe der sechs Bände, recherchiere Namen und kontextuale Bezüge, Orte und Institutionen, die schon heute niemand mehr kennt. In fünfzig oder hundert Jahren werden sie kaum noch zu entschlüsseln sein. Das müssen wir heute machen, damit die Nachkommenden die Geschichte verstehen.
Wie weit sind Sie?
Ein Zehntel etwa habe ich bisher geschafft, wann ich fertig sein werde, weiß ich nicht. Und ob das Werk überhaupt erscheint, weiß ich auch nicht. Die Lektorin sagte mir, dass der Verlag noch einen Sponsor suche, weil doch die Zielgruppe in China sehr überschaubar sei, wie man im Deutschen sagt, weshalb die Auflage klein sein würde. Doch immerhin kam unlängst, zum 80. Jahrestages des Sieges über das faschistische Japan, eine neue, von mir überarbeitete Fassung des schon einmal erschienenen Tagebuchs heraus.
Sprach Rabe Mandarin?
Nein, das macht die Sache ja so schwierig. Er notierte Namen von Personen oder Plätzen, wie er die Bezeichnungen phonetisch wahrnahm. Die tatsächlichen Namen, deren Schriftzeichen daraus zu rekonstruieren, sie auf den chinesischen Ursprung zurückzuführen, ist wahrlich keine einfache Aufgabe.
Zur Ausstellungseröffnung in Berlin Ende September war Rabes 62 Jahre alter Urenkel Christoph Reinhardt gekommen – er übergab dem ebenfalls anwesenden Direktor der Gedenkstätte in Nanjing, die an die 300.000 Opfer des japanischen Massakers erinnert, viele persönliche Dokumente Rabes für das dortige Museum.
Ich kenne den 1951 geborenen Enkel Thomas Rabe, der als Arzt in Heidelberg ein internationales Friedensnetzwerk ins Leben rief. Im ehemaligen Wohnhaus hier in Nanjing befindet sich das John-Rabe-Kommunikationszentrum. Es ist dort auch ein Foto zu sehen, das die Familie Ende der Vierzigerjahre zeigt: Dora und John Rabe mit ihrer Tochter und deren Mann sowie ihren beiden Enkelinnen. Die eine – Ursula Reinhardt, in China geboren, in Berlin lebend – präsentierte 1996 auf einer Pressekonferenz in New York erstmals der Welt die Tagebücher ihres Großvaters. Ich habe Frau Reinhardt getroffen, als sie im September 1997 in Nanjing war.
Sie erwähnten den Film „Schindlers Liste“, ein Welterfolg. 2009 kam „John Rabe“, ein deutscher Film, in die Kinos, er lief sogar auf der Berlinale. Ihn sahen weniger Menschen im Kino, als die Antifaschisten um Rabe seinerzeit in der internationalen Schutzzone in Nanjing Menschenleben retteten. Das waren insgesamt etwa eine Viertelmillion Chinesen. Dieser Rabe-Film war also kein nationaler Erfolg, er spielte nicht einmal die Produktionskosten ein. Auch in Japan fand sich kein Verleiher. Wie erklären Sie sich das?
Auch ohne den deutschen Film zu kennen: Bei Schindler war der Widerpart das Hitlerreich. Es ging am 8. Mai 1945 unter. Bei Rabe war es das Hirohitoreich. Das blieb. Mit Japan aber wollte und will es sich niemand wegen seiner Vergangenheit verderben. So beschweigt man denn lieber die zwischen 1931 und 1945 verübten Untaten. In Japan spricht man nicht über den „Zwischenfall“ in China, der etwa 35 Millionen Opfer hatte. Auch wir in China mochten lange Zeit nicht über Nanjing reden. Schließlich war der Einmarsch der Japaner in die einstige Hauptstadt objektiv eine chinesische Niederlage, auch wenn die Regierung damals die von Chiang Kai-shek war. Er war zwar kein Freund der Kommunisten, aber er und seine Soldaten waren schließlich auch Chinesen.
Interview: Fritz und Frank Schumann
Die Ausstellung „Weltgedächtnis und Friedensvision – Das Nanjing-Massaker in den Augen von John Rabe und anderen deutschen Zeitzeugen“ im Chinesischen Kulturzentrum Berlin in der Klingelhöferstraße 21 in Berlin öffnet regulär vom 17. November bis 19. Dezember.
Fritz Schumann, 1987 in der DDR geboren, arbeitet als freier Journalist für deutsche und internationale Medien und ist Teilhaber des Verlages Edition Ost.
Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost.
Foto: DrSivle
Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
[ Dieser Text erschien zuerst in der Berliner Zeitung und steht unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 ]

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