„Da flossen Tränen der Freude“

Ein Verein erleich­tert Älte­ren den Weg zu Smart­phone, PC und KI – seit 30 Jahren.

Im Osten Berlins, hinter den Häusern der Allee der Kosmo­nau­ten, gibt es seit fast 30 Jahren einen Treff­punkt, der für viele ältere Berli­ne­rin­nen und Berli­ner zu einer wich­ti­gen Anlauf­stelle gewor­den ist: Der Verein NetCom­pu­ter Lernen g.e.V. Hier enga­gie­ren sich Senio­ren ehren­amt­lich, um ande­ren Älte­ren den Einstieg in die digi­tale Welt zu erleich­tern, mit Geduld, prak­ti­schen Tipps und einem offe­nen Ohr für Sorgen.

Wenn Tech­nik zur Hürde wird, beginnt der digi­tale Alltag für viele Senio­ren mit Unsi­cher­hei­ten. Das neue Smart­phone reagiert nicht so wie gewünscht, das Online-Banking wirkt riskant und schon ein Windows-Update sorgt für Ratlo­sig­keit. Laut dem D21-Digi­tal-Index 2024/25 sind circa 70 Prozent der über 80-Jähri­gen in Deutsch­land offline. In Berlin, wo Behör­den und Verkehrs­be­triebe, aber auch Super­märkte immer stär­ker auf digi­tale Abläufe setzen, wird fehlende Tech­nik­kom­pe­tenz schnell zu einem Problem.

Vor allem Frauen fragen

Eine Frage beschäf­tigt derzeit viele ältere Nutzer beson­ders: Lohnt sich der teure Neukauf eines Compu­ters wegen Windows 11 oder gibt es Alter­na­ti­ven? Genau hier setzen die Ehren­amt­li­chen des Vereins an. Sie erklä­ren, wann eine Aufrüs­tung sinn­voll ist, wo Geld­ver­schwen­dung droht und wie ältere Rech­ner viel­leicht mit einem ande­ren Betriebs­sys­tem weiter genutzt werden können. Für viele Senio­ren ist das eine finan­zi­elle Entlas­tung und ein Stück Frei­heit, nicht zum Neukauf gedrängt zu werden.

Auffäl­lig ist, dass vor allem Frauen die Ange­bote verstärkt nutzen. Häufig stehen sie bei Krank­heit oder dem Tod ihres Part­ners allein vor Aufga­ben, wie den PC einzu­rich­ten, Über­wei­sun­gen zu täti­gen, Fotos zu archi­vie­ren oder den Router anzu­schlie­ßen. „Früher hat mein Mann das gemacht, heute will ich es selber können“, hört man oft. Mit wach­sen­dem Selbst­ver­trauen eignen sich die Frauen das Wissen an, manche unter­stüt­zen nach ihrer eige­nen Lern­phase sogar selbst andere Senio­ren.

Beson­ders bewe­gend sind die Momente, in denen Tech­nik nicht nur nützt, sondern das Leben spür­bar erleich­tert. Eine Helfe­rin erzählt von einer älte­ren Dame, der sie das Hörge­rät so über das Handy konfi­gu­rierte, dass der Fern­seh­ton verständ­lich wurde und einge­hende Anrufe auto­ma­tisch in Text umge­wan­delt wurden. „Da flos­sen Tränen der Freude, plötz­lich konnte sie wieder viel akti­ver am Alltag teil­neh­men“, erzählt die ehren­amt­li­che Helfe­rin. Solche Erfah­run­gen zeigen, wie digi­tale Hilfen mehr Selbst­stän­dig­keit und soziale Teil­habe ermög­li­chen können.

Neben den Alltags­fra­gen spielt auch das Thema Sicher­heit im Netz eine große Rolle. Wie erkennt man gefälschte Nach­rich­ten, wie werden Pass­wör­ter geschützt, wie reagiert man auf verdäch­tige Mails? Gedul­dige Erklä­run­gen und konkrete Beispiele nehmen vielen Senio­ren die Angst vor Fehlern oder vor akti­vem Handeln.

Seit diesem Jahr werden zudem Work­shops zum Umgang mit künst­li­cher Intel­li­genz ange­bo­ten. ChatGPT oder ähnli­che KI-Tools werden genutzt, um Texte zu schrei­ben, Labor­werte zu verste­hen, Medi­ka­mente besser im Blick zu behal­ten oder Musik­samm­lun­gen zu kata­lo­gi­sie­ren. Dass solche Ange­bote bei Menschen im Renten­al­ter gut ange­kom­men, über­rascht nicht. Wer die ersten Hürden über­wun­den hat, will die neuen Möglich­kei­ten nutzen und nicht abge­hängt werden.

Mehr Lebensqualität

Es zeigt sich, mit Unter­stüt­zung gelingt der Einstieg in die digi­tale Welt auch im Alter, wenn Ängste und Vorbe­halte ernst genom­men und prak­ti­sche Lösun­gen ange­bo­ten werden. Für Berli­ner Senio­ren und gerade auch für allein­ste­hende Frauen bedeu­tet das nicht nur neue Tech­nik­kennt­nisse, sondern ein weite­res Stück Selbst­be­stim­mung und Lebens­qua­li­tät.

Günter Prang war als Busi­ness Intel­li­gence Analyst in der Immo­bi­lien- und Kommu­ni­ka­ti­ons­bran­che tätig. Auch er coacht ältere Menschen ehren­amt­lich im Umgang mit tech­ni­schen Gerä­ten.

Foto: Sigis­mund von Dobschütz

Wiki­me­dia Commons, CC BY-SA 3.0

[ Dieser Text erschien zuerst in der Berli­ner Zeitung und steht unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 ]

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