“Wir geben unser Bestes im Geist der Reihe” — Ein Gespräch mit den neuen Machern von Asterix & Obelix über die 41. Ausgabe der legendären Comic-Serie
Asterix ist eine der bekanntesten europäischen Comicreihen. 1959 von René Goscinny (Text) und Albert Uderzo (Zeichnung) fürs französische Magazin Pilote erschaffen, spielt sie im Jahr 50 v. Chr. in einem kleinen gallischen Dorf, das dank des Zaubertranks des Druiden Miraculix den Römern trotzt. Held Asterix – klein, schlau, schlagfertig – zieht mit seinem starken Freund Obelix und Hund Idefix in Abenteuer, oft weit über Gallien hinaus.
Typisch sind Wortspiele, Anspielungen auf Gegenwart und Popkultur, Parodien nationaler Eigenheiten und Running Gags: Obelix’ Hinkelsteine, Wildschweinbraten, Prügeleien mit Legionären, der Barde Troubadix, Häuptling Majestix mit Schildträgern, die erfolglosen Piraten – und natürlich Julius Cäsar.
Nach dem Tod von René Goscinnys 1977 führte Uderzo die Reihe allein fort; seit 2013 arbeiten Jean-Yves Ferri (Text) und Didier Conrad (Zeichnungen) weiter. Die Hefte wurden in über 100 Sprachen und Dialekte übersetzt, millionenfach verkauft und mehrfach verfilmt – französisches Kulturerbe mit zeitlosem, wahrhaft europäischem Humor. Der jüngste Band, Heft 41 “Asterix in Lusitanien”, erscheint in Millionenauflage. Wie schon bei Band 40 stammt der Text von Fabrice Caro (Fabcaro).
Im neuesten Band bekommt Miraculix gerade Nachschub an Steinöl für den Zaubertrank, als ein kleiner, schnauzbärtiger Mann von Bord einer Galeere springt. Der Fremde, Schnurres aus Lusitaninen, bittet die Gallier, den zu Unrecht eines Anschlags auf Cäsar beschuldigten Schãoprozes zu retten. Hinter der Intrige stecken der mächtige Garum-Produzent Croesus Lupus und sein Cousin, Präfekt Fetterbonus. Der eine will exklusiver Hoflieferant der römischen Fischsoße werden, der andere gleich selbst Cäsar. Asterix und Obelix sollen Schãoprozes aus dem Kerker holen, seine Unschuld beweisen und die Drahtzieher entlarven. Asterix und Obelix reisen daraufhin in das Gebiet des heutigen Portugals, damals eine römische Provinz.
Ihre Reise in den äußersten Westen der römischen Welt mischt Fernweh mit Wirtschaftskrimi: Globalisierung, Vetternwirtschaft, Machtgier – gewürzt mit Portugal-Motiven von Saudade bis Kabeljão. Obelix verliebt sich (wieder einmal und leider erneut folgenlos), diesmal in Oxala. Deftige Prügeleien dürfen nicht fehlen, manche Großmotive haben Wimmelbildcharakter. Anspielungen auf Personen und politische Positionen sorgen für Augenzwinkern.
Der Band wirkt heller und leichter als viele Vorgänger. Alles ist sonnig und freundlich inszeniert. Gleichzeitig zieht sich die portugiesische “Saudade” durch die Geschichte: eine Mischung aus Sehnsucht, Melancholie, Poesie und Hoffnung. Daraus entsteht Situationskomik, die Fabcaro und Übersetzer Klaus Jöken umsichtig komponieren. Beispielsweise, wenn zwei Sklavenhalter damit protzen, wie arbeitswütig ihre Sklaven sind und sich bei der Arbeit selbst auspeitschen, weil sie die Antreiber zu weich finden. Ein von Obelix verprügelter Römer seufzt, er wollte doch lieber einen blinden Hund im Regen ausführen. Das erinnert fast ans französische Autorenkino.
Fabcaro und Jöken verweben außerdem aktuelle Themen: Verteidigungsminister Boris Pistorius taucht auf, die Rentendebatte in Frankreich und Deutschland, Fragen von Handel, Macht und Einwanderung. Diese Aktualität macht Spaß, birgt aber auch das Risiko, dass manche Anspielungen verblassen und die Story schnell altert. Verraten sei noch: Obelix verliert seine Zöpfe, Cäsar schaut persönlich vorbei, Troubadix darf wieder nicht singen. Überhaupt leidet Obelix: Die Sprache ist ungewohnt (im Deutschen clever gelöst durch die Tilde bei Namen wie Schãoprozes), Wildschweine gibt es nicht, nur Kabeljão, und bei einer Tarnaktion muss er ausgerechnet als “Infettfrittiertes” auftreten, während Asterix “Armdesgesetzes” heißt. Hartes Los.
Was haben sich die Macher dabei gedacht? Darüber haben wir mit dem Texter Fabcaro, dem Zeichner Didier Conrad und dem Übersetzer Klaus Jöken gesprochen.
Herr Caro, Herr Conrad, beschreiben Sie bitte: Welches zentrale Motiv wollten Sie in “Asterix in Lusitanien” vermitteln – und wie manifestiert sich das im Plot?
CONRAD: “Asterix in Lusitanien” ist ein klassisches Reisealbum: Wir besuchen ein anderes Land mit seinen Eigenheiten, Gebräuchen und Klischees – und vor allem muss es humorvoll-witzig sein. Parallel dazu gibt es eine zweite Ebene: das Thema “Garum”. Darüber kommen wir auf Globalisierung, Handel und wirtschaftliche Verflechtungen – in Portugal bot sich das an, weil Garum dorther kommt. Daraus ergibt sich eine Art Wirtschaftskrimi, in dem Nachforschungen die Handlung vorantreiben.
Welche historische Recherche war besonders herausfordernd, um die antike Provinz Lusitanien glaubhaft darzustellen? An welchen realen historischen Figuren haben Sie sich orientiert?
FABCARO: Zunächst wussten wir nichts über Lusitanien, das antike Portugal. Dazu entstand zuerst eine gründliche Dokumentation. Dabei stießen wir auf Viriathus (im Französischen: Viriathe), wie Vercingetorix in Gallien der Anführer des lusitanischen Widerstands gegen Rom. Diese Figur erlaubte Parallelen zwischen Mythos und Geschichte.
Ebenso recherchierten wir die Garum-Produktion und ihren Export nach Rom. All diese Fakten werden im Album verfremdet, verspielt und erzählerisch eingebunden – etwa die augenzwinkernde “Herkunft” der Saudade, die wir humorvoll auf Viriathus’ tragisches Ende zurückführen (ein poetischer, natürlich erfundener Kniff). Viriathus wurde Opfer eines Verrats durch eigene Gefährten. Nach römischer Überlieferung verweigerte Rom später diesen Verrätern die Belohnung und richtete sie sogar hin – “Rom bezahlt keine Verräter”. Daraus stricken wir die melancholische Pointe: stolz auf den Widerstand, traurig über den Verlust der Freiheit – eine schöne Folie für die lusitanische Grundstimmung in diesem Band.
Wie viel künstlerische Freiheit nehmen Sie sich im Vergleich zum Original von Goscinny und Uderzo – und welche Stilmittel führen Sie bewusst fort?
FABCARO: Das Universum Asterix bleibt unangetastet: Figuren, Tonfall, Running Gags und innere Logik respektieren wir. Zugleich muss jedes Abenteuer Neues bieten – anderes Land, andere Konstellation, frische Situationen. Wir erfinden also innerhalb der etablierten Regeln.
Im neuen Album wirken die Namenswitze besonders dicht. Gibt es eine Liste, um Dopplungen zu vermeiden? Und wie ist das für die deutsche Übersetzung?
FABCARO: Ja, beim Verlag existiert eine Namensdatenbank; bereits verwendete Namen sind tabu. Je mehr Bände erscheinen, desto enger wird es – besonders bei Endungen auf ‑us oder ‑ix. Im neuen Band war es anders.
JÖKEN: Viele Worte endeten auf ‑s, also machten wir Listen und versuchten uns an Wortspielen, die sich für Lusitanien anboten: Im Französischen reichlich vorhanden, im Deutschen rar. Deshalb arbeiten wir mit Wortlisten und testen Klang, Doppelsinn und Witz. Übersetzung heißt dann oft: neu erfinden, damit es im Deutschen funktioniert. Aber für die Transfers wird es zunehmend anstrengend. Ohne lange Listen geht es nicht.
Gab es Szenen, die während der Produktion komplett verändert oder gestrichen wurden?
CONRAD: Beschnitten kaum, aber ergänzt: Die Flussfahrt vom Fischerdorf nach Lissabon zog sich – daher der Einschub mit dem Steinbruch, in dem die Flachsteine fürs Straßenpflaster hergestellt werden. Das lockert den Rhythmus, erklärt zugleich ein wiederkehrendes Requisit in der Handlung und liefert komische Bilder. Inklusive eines sehr obelistischen Umgangs mit Flachsteinen, der aus diesen sofort einen Hinkelstein puzzelt.
Wie reagieren die Fans – und was hat Sie zuletzt überrascht?
FABCARO: Die Resonanz ist überwiegend positiv. Besonders gefreut hat uns beim neuen Album das Lob von Anne Goscinny, der Tochter von René Goscinny, die sehr streng sein kann. Natürlich gibt es Stimmen, die sagen: “Früher, bei Goscinny…” – doch dem begegnen wir mit Gelassenheit.
CONRAD: Natürlich waren Goscinny und Uderzo Genies, besser als wir. Wie kann es anders sein? Aber wir geben unser Bestes im Geist der Reihe und der beliebten Figuren.
Verstehen heutige Leserinnen und Leser die Anspielungen noch – bei weniger Lektüre klassischer Werke und historischem Wissen, immer kleineren Screens zur Information und andersgearteter Bildung?
CONRAD: Niemand versteht alles – das war schon zu Goscinnys Zeiten so. Asterix ist mehrschichtig: Man kann als Kind Spaß haben, später neue Ebenen entdecken – mit 13, 18, 25 … Wir schreiben für den Spaß und vertrauen darauf, dass die Alben Neugier wecken. Man schlägt nach, lernt dazu. Wir wollen nicht vereinfachen, sondern anheben. Und so finden Menschen auch nach Jahren noch neue Anspielungen oder Humor, der ihnen zuvor entgangen ist. Das ist die Magie von Asterix. Sie wirkt als Kind, Jugendlicher, Erwachsener, für alle Altersgruppen.
In den Dialogen finden sich viele aktuelle Anspielungen auf Geschehnisse in der Wirtschaft oder Politik, etwa Politikernamen und Themen wie die Rentendebatte in Deutschland und Frankreich. Besteht nicht die Gefahr, dass das Heft dadurch schnell altert?
JÖKEN: Wir zielen vor allem auf zeitlose gesellschaftliche Themen. Eine Rentenreform war vor 30 Jahren Thema und wird es wohl wieder sein. Einzelne tagesaktuelle Gags mögen Patina ansetzen (etwa ein Ministername), funktionieren aber oft weiter über den Klang oder die Absurdität. Ein römischer Zenturio Pistorius etwa – der Name des aktuellen deutschen Verteidigungsministers. Der bleibt witzig, auch wenn sich in dreißig Jahren keiner mehr an den Ursprung erinnert. Die Grundthemen bleiben lesbar.
Spielt das diversere, multikulturelle Publikum von heute eine Rolle für das Figurenensemble?
CONRAD: Es ist schwierig, die heutige Gesellschaft in einem antiken Setting abbilden zu wollen. Im römischen Umfeld lässt sich Vielfalt historisch plausibel zeigen – die Legionen rekrutierten im ganzen Imperium. Im gallischen Dorf sind wir aber in der Antike, an einem klar definierten Ort. Veränderungen dort müssten erzählerisch begründet und zum Thema gemacht werden. Vielleicht wird die Wahrnehmung künftiger Generationen anderes erlauben; derzeit halten wir uns an die Logik der Welt von Asterix.
Interview: Stefan Piasecki
Stefan Piasecki ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule. Er promovierte in Politik- sowie Medienwissenschaften und wurde habilitiert in Religionspädagogik. Er prüft Filmmedien bei der FSK und beschäftigt sich bevorzugt mit den Wechselwirkungen von Medien, Religion, Kultur und Gesellschaft. 2022 erschien sein auf Archivrecherchen beruhender historischer Luftfahrtroman “Himmelsleiter”.
Foto: Ferran Cornellà
Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
[ Dieser Text erschien zuerst in der Berliner Zeitung und steht unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 ]

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