Die Pritzwalker Straße ist eine kleine Nebenstraße der Turmstraße in Berlin-Moabit, gleich gegenüber dem altehrwürdigen und Schrecken gebietenden Bau des Kriminalgerichts. Die ganze Gegend war in den 1930er Jahren ein Wohnbezirk der kleinen Leute, allerdings der kleinen Angestellten und Beamten, nicht der Arbeiter. Die saßen wiederum vermehrt nordwestlich davon in der Lübecker und Birkenstraße bis hin zum Beusselkiez. Die soziale Wasserscheide war meiner Erinnerung nach die Straße Alt-Moabit. Alles was jenseits zur Spree hin lag, war Wohnbezirk der „besseren“ Leute. Das bemerkte ich schon früh, wenn meine Mutter mit mir durch die Kirchstraße zum S‑Bahnhof Bellevue marschierte, wo ich allein in diesem hochmodernen Gefährt zum Savignyplatz fahren durfte. Damals noch ohne Ansagen, aber mit polierten hellen Holzbänken (schmale, mit großen Schrauben aufgebrachte Leisten, die für die Kniekehlen gerundet waren)! Den Bahnhof bzw. sein Nahen erkannte ich an der kurz zuvor auf einer Hauswand links neben den Gleisen prangenden Reklame von Pelikan: ein Junge tauchte einen riesengroßen Federhalter in ein noch größeres Tintenfass, wie ich es aus den Buschalben kannte, ein Bild, das nach dem Krieg mit bröckelndem Putz allmählich verrottete.
Auf dem Bahnsteig an der Sperre gab es zu dieser Zeit noch eine sog. Wanne, in der ein den Ein- und Ausgang überwachender Schaffner saß, der die am Schalter oder am Automaten erworbenen kleinen Fahrkarten aus dicker Pappe mit einer Zange lochte und dem man die abgefahrene Karte beim Hinausgehen aushändigte oder sie in einen Behälter warf. Fahrpreis: 20 Pfennige, so auch noch nach dem Krieg. Es gab im Übrigen eine 1. und eine 2. Klasse in der S‑Bahn. Wir fuhren natürlich Holzklasse. Ein besonders geräumiger Wagen für Leute mit Koffern, Fahrrädern, Kinderwagen bot freien Raum in der Mitte, die Sitze waren nicht in Fahrtrichtung, sondern längsseits angeordnet. Abgeholt von der ältesten Schwester oder von meiner Großtante Ota, ging es in die Niebuhrstraße 8, in ein Haus mit roten Kokosläufern auf den leicht wendligen Treppen. Der Raum für den Fahrstuhl war in der Mitte frei geblieben. Sozusagen drei soziale Schichtungen durchlief ich auf diesem Ausflug: Moabit am Kriminalgericht, die bessere Wohngegend um die Spree herum und die feine, stille Niebuhrstraße, eben Charlottenburg!
Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich also, von 1937 bis November 1943, in einer kleinen Einzimmerwohnung mit Küche, großem Flur und Innentoilette – ein damals noch als besonders komfortabler Sonderumstand zu erwähnendes Detail, hinter dem sich allerdings ein merkwürdiger fensterloser Holzverschlag in einer Flurecke verbarg, wo man – immerhin elektrisch beleuchtet – ein oder zwei Stufen hinan stieg, um auf einem in ganzer Breite aus Holz gearbeiteten „Thron“ Platz zu nehmen. Diese für Kinder durchaus gemütliche Klause steht mir wahrscheinlich deshalb so deutlich vor Augen, weil ich meine Mutter nie aus den Augen ließ und sie überallhin begleitete, also auch dorthin. Diese Fixierung auf meine Mutter, vielleicht auch eine Folge der Tatsache, dass mein Vater mir seit Kriegsbeginn gewissermaßen abhandengekommen war, führte zu so dramatischen inneren Szenen wie jener, als ich bei einer Erkrankung meiner Mutter, während sie im Fieber die Augen geschlossen hielt, mit unglücklich klopfendem Herzen neben ihrem Bett ausharrte. Eine lähmende Angst hielt mich gefangen, ausgelöst wohl durch eines ihrer sentimentalen Lieder, das mit den Worten „Mutter schläft so lange…“ begann und damit endete, dass dieser Schlaf in Wahrheit der Tod war. Und dieser als Sensenmann vorgestellte, aus Märchenbüchern und Bildern mir bekannte große Finstere konnte sozusagen jeden Augenblick hereinspazieren, stumm, und allein durch sein Erscheinen sein Begehr bekundend. Im März 1943 starb mein Großvater Ferdinand Höhnisch 83-jährig an einem Herzschlag, der ihn auf der Toilette (in diesem Fall einer Außentoilette) ereilte. Eine Erzählung, die ein Kind ziemlich schrecklich anmuten musste, aber da ich stets „zugegen“ war, blieb mir auch diese höchst konkret und wortreich überall wiederholte Geschichte nicht erspart. Ebenso wenig die Beerdigung auf dem Heilands-Friedhof in Plötzensee, wo es hieß, man könne vorher noch den Toten in der Gruft unter der Kapelle sehen, bevor der Sarg verschlossen werde. Da musste ich nicht mit hinunter, zumal auch meine Mutter „sich graulte“ und kniff. Der Phantasie aber waren die Tore weit geöffnet, Erzählungen über Scheintote waren noch im Schwange, und die Vorstellung eines vernagelten Sargs, des Wiedererwachens, womöglich mit der Wiederauferstehung verwechselt, tat ein Übriges.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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