Wenn meine Mutter mal ohne mich einkaufen ging, was gewiss selten geschah, und gerade deshalb wird es haften geblieben sein, verbarrikadierte ich mich in der Küche in der Fensterecke mit meinen Puppen und dem Teddy, der immer „zum Frisör musste“ und schon ganz kurz geschnitten war, hinter dem seitwärts aufrecht gelegten Plättbrett und vielen Kissen, allzeit gewärtig, dem Gevatter Tod ins knochige Antlitz zu schauen oder – fast gleich schlimm – dem bösen Wolf oder Fuchs ausgeliefert zu sein, die sich in meinen Alpträumen durch eine signifikante, jede Regung erstarren machende Musik anzukündigen pflegten. Man konnte dann keine Tür mehr schließen, jedenfalls hielt sie dem Kommenden nicht stand, alles vergebens, – Märchenlesen, Märchenfilme, Sagen vermischten sich – im Augenblick der Katastrophe wurde ich wach, natürlich.
Dies alles also Erinnerungen aus dieser engen Wohnung, die ich ja eigentlich beschreiben wollte. In der Küche gleich rechts neben der Wohnungstür und mithin dem Treppenhaus spielte sich das tägliche Leben ab. Sie war nicht breit, eher lang, links stand ein guter alter Kachelherd mit mindestens drei Kochstellen, deren Größe durch herausnehmbare Eisenringe zu regulieren war, die bei voller Befeuerung rot glühten und zu deren Handhabung man ein metallenes Spezialinstrument brauchte, mit dem meine Mutter in einen frei gelassenen Spalt des Ringes stach und ihn alsdann hochheben konnte. An der Kachelwand hinter dem Herd konnte man die Ringe dann an einen Haken hängen. In den Kacheln befanden sich mehrere flache Schübe mit Messingbeschlag, stets blank geputzt, die den Zug für das Feuer sicherten, eine Kunst für jede Köchin – und diese Schübe mussten sorgfältig verschlossen werden, sobald der Schornsteinfeger kam, was mit lautem Singsang auf dem Hof, denn wir wohnten natürlich im Hinterhaus, angekündigt wurde („Der Schornsteinfeger ist daaa!“). Dann rumorte es gar schrecklich, wenn der Kamin gekehrt wurde und die Besen und Bürsten an den Wänden entlang schrapten.
Ein Badezimmer gab es nicht. In der Küche existierte eine Holzbank mit schräg gestellten Beinen und einem Eingriff in der Mitte. Darauf wurde wahlweise eine Waschschüssel oder eine kleine Wanne gestellt, Wasser heiß gemacht und dann ging’s los: „Abseifen!“ Oft wird das nicht stattgefunden haben, jedenfalls verfolgt mich keinerlei Erinnerung an Körperreinigungen! Wohl aber an Waschfeste mit schäumender Seifenlauge, dem hochinteressanten Waschbrett, Wurzelbürsten usw., was sich auch in großem Stil in der Waschküche im Keller abspielte. Dort wurde am Abend zuvor der Waschkessel angeheizt, damit die voreingeweichte Wäsche darin über Nacht gründlich kochen konnte. Im Morgengrauen ging es dann hinunter in den Waschkeller – ich immer mit, versteht sich! Und da begann die Schwerarbeit: das Hinüberhieven in die große aufgebockte Zinkwanne — die vom Wasser bleiernen, triefenden Betttücher und Tischdecken, die Handtücher und Bettbezüge vermittels einer langen hölzernen Zange. Dann wurde geschrubbt auf besagtem Waschbrett, wobei mir die damals noch üblichen Stofftaschentücher in schrecklicher Erinnerung sind, denn die herausgelösten Popel schwammen natürlich in der Lauge … ich glaube, sie kamen immer zum Schluss dran … Die saubere, lose ausgewrungene Wäsche landete zum Spülen in einer zweiten bereitgestellten Wanne. Die Seifenlauge aus der großen wurde nach vollbrachtem Werk ausgelassen, d.h. ein breiter Stöpsel wurde gezogen, und das Wasser ergoss sich über den steinernen Boden hin zu dem abschüssig gelegenen Abfluss – ein großartiges Schauspiel – das Ganze übrigens ständig in dichte, warmfeuchte Dampfwolken gehüllt. Das Spülwasser wurde mit einem Schlauch eingelassen, und so ging es munter fort. Dabei hatte die Hausfrau natürlich zwischen Weiß- und Buntwäsche zu unterscheiden. Die Arbeit zog sich über den ganzen Tag. Zwischendrin gab es Mittagessen in der Wohnung, später zog meine Mutter mit dem schweren Wäschekorb mehrmals mit der von Hand ausgewrungenen Wäsche vom Keller auf den Dachboden im 5. Stock, wo die Wäscheleinen von Holzstrebe zu Holzstrebe gezogen wurden. Dann ging es ans Aufhängen, wobei mir die gern und gewissenhaft erfüllte Aufgabe zufiel, die hölzernen Wäscheklammern zuzureichen, manchmal auch die Wäschestücke mit zu „ziehen“, damit die Kanten akkurat aufeinander lagen. War die Wäsche am Tag darauf trocken oder besser noch eben feucht, wurde sie abgenommen. Wieder oblag mir die Hut über die Wäscheklammern, die der Mutter abgenommen und in einen Behälter gelegt wurden, die Wäsche im Korb musste dann wieder die Treppen hinunter und über die Straße zur Heißmangel an der Ecke Dreysestraße geschafft werden. Auch dort im Hinterzimmer der Drogerie Losch ergab sich für mich ein faszinierendes Schauspiel, wenn die knittrige Wäsche, herrliche warme Sauberkeitsgerüche entlassend, unter der Mangel hindurchglitt, stets von den zusätzlich glättenden Händen meiner Mutter in die richtige Richtung gelenkt. Und noch schöner war es, wenn die kleineren Wäschestücke zu Hause in der Küche gebügelt wurden, denn bei dieser Tätigkeit pflegte meine Mutter unweigerlich zu singen, und zwar die längsten und spannendsten Balladen und Volkslieder. Voll Innigkeit sang sie, und das Kind war gefangen in der Schönheit des Klangs, häufig genug der Trauer darin. Denn oft waren es Lieder aus dem Ersten Weltkrieg, von Liebe und Tod, dem Vaterland und der Treue, von Abschied und Wiedersehen, von Rosen und Flieder — unendlich.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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