2 • Kachelherd und Waschkessel

Wenn meine Mutter mal ohne mich einkau­fen ging, was gewiss selten geschah, und gerade deshalb wird es haften geblie­ben sein, verbar­ri­ka­dierte ich mich in der Küche in der Fens­ter­ecke mit meinen Puppen und dem Teddy, der immer „zum Frisör musste“ und schon ganz kurz geschnit­ten war, hinter dem seit­wärts aufrecht geleg­ten Plätt­brett und vielen Kissen, allzeit gewär­tig, dem Gevat­ter Tod ins knochige Antlitz zu schauen oder – fast gleich schlimm – dem bösen Wolf oder Fuchs ausge­lie­fert zu sein, die sich in meinen Alpträu­men durch eine signi­fi­kante, jede Regung erstar­ren machende Musik anzu­kün­di­gen pfleg­ten. Man konnte dann keine Tür mehr schlie­ßen, jeden­falls hielt sie dem Kommen­den nicht stand, alles verge­bens, – Märchen­le­sen, Märchen­filme, Sagen vermisch­ten sich – im Augen­blick der Kata­stro­phe wurde ich wach, natür­lich.

Dies alles also Erin­ne­run­gen aus dieser engen Wohnung, die ich ja eigent­lich beschrei­ben wollte. In der Küche gleich rechts neben der Wohnungs­tür und mithin dem Trep­pen­haus spielte sich das tägli­che Leben ab. Sie war nicht breit, eher lang, links stand ein guter alter Kachel­herd mit mindes­tens drei Koch­stel­len, deren Größe durch heraus­nehm­bare Eisen­ringe zu regu­lie­ren war, die bei voller Befeue­rung rot glüh­ten und zu deren Hand­ha­bung man ein metal­le­nes Spezi­al­in­stru­ment brauchte, mit dem meine Mutter in einen frei gelas­se­nen Spalt des Ringes stach und ihn alsdann hoch­he­ben konnte. An der Kachel­wand hinter dem Herd konnte man die Ringe dann an einen Haken hängen. In den Kacheln befan­den sich mehrere flache Schübe mit Messing­be­schlag, stets blank geputzt, die den Zug für das Feuer sicher­ten, eine Kunst für jede Köchin – und diese Schübe muss­ten sorg­fäl­tig verschlos­sen werden, sobald der Schorn­stein­fe­ger kam, was mit lautem Sing­sang auf dem Hof, denn wir wohn­ten natür­lich im Hinter­haus, ange­kün­digt wurde („Der Schorn­stein­fe­ger ist daaa!“). Dann rumorte es gar schreck­lich, wenn der Kamin gekehrt wurde und die Besen und Bürs­ten an den Wänden entlang schrap­ten.

Ein Bade­zim­mer gab es nicht. In der Küche exis­tierte eine Holz­bank mit schräg gestell­ten Beinen und einem Eingriff in der Mitte. Darauf wurde wahl­weise eine Wasch­schüs­sel oder eine kleine Wanne gestellt, Wasser heiß gemacht und dann ging’s los: „Absei­fen!“ Oft wird das nicht statt­ge­fun­den haben, jeden­falls verfolgt mich keiner­lei Erin­ne­rung an Körper­rei­ni­gun­gen! Wohl aber an Wasch­feste mit schäu­men­der Seifen­lauge, dem hoch­in­ter­es­san­ten Wasch­brett, Wurzel­bürs­ten usw., was sich auch in großem Stil in der Wasch­kü­che im Keller abspielte. Dort wurde am Abend zuvor der Wasch­kes­sel ange­heizt, damit die vorein­ge­weichte Wäsche darin über Nacht gründ­lich kochen konnte. Im Morgen­grauen ging es dann hinun­ter in den Wasch­kel­ler – ich immer mit, versteht sich! Und da begann die Schwer­ar­beit: das Hinüber­hie­ven in die große aufge­bockte Zink­wanne — die vom Wasser blei­er­nen, trie­fen­den Bett­tü­cher und Tisch­de­cken, die Hand­tü­cher und Bett­be­züge vermit­tels einer langen hölzer­nen Zange. Dann wurde geschrubbt auf besag­tem Wasch­brett, wobei mir die damals noch übli­chen Stoff­ta­schen­tü­cher in schreck­li­cher Erin­ne­rung sind, denn die heraus­ge­lös­ten Popel schwam­men natür­lich in der Lauge … ich glaube, sie kamen immer zum Schluss dran … Die saubere, lose ausge­wrun­gene Wäsche landete zum Spülen in einer zwei­ten bereit­ge­stell­ten Wanne. Die Seifen­lauge aus der großen wurde nach voll­brach­tem Werk ausge­las­sen, d.h. ein brei­ter Stöp­sel wurde gezo­gen, und das Wasser ergoss sich über den stei­ner­nen Boden hin zu dem abschüs­sig gele­ge­nen Abfluss – ein groß­ar­ti­ges Schau­spiel – das Ganze übri­gens stän­dig in dichte, warm­feuchte Dampf­wol­ken gehüllt. Das Spül­was­ser wurde mit einem Schlauch einge­las­sen, und so ging es munter fort. Dabei hatte die Haus­frau natür­lich zwischen Weiß- und Bunt­wä­sche zu unter­schei­den. Die Arbeit zog sich über den ganzen Tag. Zwischen­drin gab es Mittag­essen in der Wohnung, später zog meine Mutter mit dem schwe­ren Wäsche­korb mehr­mals mit der von Hand ausge­wrun­ge­nen Wäsche vom Keller auf den Dach­bo­den im 5. Stock, wo die Wäsche­lei­nen von Holz­strebe zu Holz­strebe gezo­gen wurden. Dann ging es ans Aufhän­gen, wobei mir die gern und gewis­sen­haft erfüllte Aufgabe zufiel, die hölzer­nen Wäsche­klam­mern zuzu­rei­chen, manch­mal auch die Wäsche­stü­cke mit zu „ziehen“, damit die Kanten akku­rat aufein­an­der lagen. War die Wäsche am Tag darauf trocken oder besser noch eben feucht, wurde sie abge­nom­men. Wieder oblag mir die Hut über die Wäsche­klam­mern, die der Mutter abge­nom­men und in einen Behäl­ter gelegt wurden, die Wäsche im Korb musste dann wieder die Trep­pen hinun­ter und über die Straße zur Heiß­man­gel an der Ecke Drey­se­straße geschafft werden. Auch dort im Hinter­zim­mer der Droge­rie Losch ergab sich für mich ein faszi­nie­ren­des Schau­spiel, wenn die knitt­rige Wäsche, herr­li­che warme Sauber­keits­ge­rü­che entlas­send, unter der Mangel hindurch­glitt, stets von den zusätz­lich glät­ten­den Händen meiner Mutter in die rich­tige Rich­tung gelenkt. Und noch schö­ner war es, wenn die klei­ne­ren Wäsche­stü­cke zu Hause in der Küche gebü­gelt wurden, denn bei dieser Tätig­keit pflegte meine Mutter unwei­ger­lich zu singen, und zwar die längs­ten und span­nends­ten Balla­den und Volks­lie­der. Voll Innig­keit sang sie, und das Kind war gefan­gen in der Schön­heit des Klangs, häufig genug der Trauer darin. Denn oft waren es Lieder aus dem Ersten Welt­krieg, von Liebe und Tod, dem Vater­land und der Treue, von Abschied und Wieder­se­hen, von Rosen und Flie­der — unend­lich.

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
01 | 02 | 03 | 04 | 05 | 06 | 07 | 08 | 09 | 10 | 11 | 12 | 13

print

Zufallstreffer

Spaziergänge

Amalie: Trenck und Taut

Vorges­tern in Trep­tow. Um mir anzu­se­hen, wie Bruno Tauts Reform des Arbei­ter­woh­nungs­baus begann, 1913, farbig: Tusch­kas­ten­sied­lung. Ehe sich das stei­nerne Berlin für Arbei­ter refor­mierte, hatten die Besser­ge­stell­ten für sich mit Refor­men des Ihren schon begon­nen. […]

Orte

Flugplatz Gatow

Einer der vier alli­ier­ten Flug­plätze in Berlin war der in Gatow. Heute ist er aus dem Bewusst­sein der Berli­ner fast verschwun­den. Dabei war er fast 60 Jahre lang in Betrieb. Im Zuge der Wieder­auf­rüs­tung wurde […]

Internet

Reise in die Vergangenheit

Erin­nern sie sich noch? Berlin war winzig und fast nieman­dem bekannt. Die umge­bende Mark­graf­schaft Bran­den­burg war durch­schnit­ten dem Erzstift Magde­burg und der Graf­schaft Ruppin, das König­reich Polen drängte von Osten herein. Und darüber, bei Danzig […]

Schreibe den ersten Kommentar

Hier kannst Du kommentieren

Deine Mailadresse ist nicht offen sichtbar.


*