Die erwähnte Holzbank diente mir im Übrigen auch als Spieltisch. Ich saß dann auf einer Fußbank davor, ordnete die mir überlassenen Papiere, welche ich zu zerschneiden gedachte, um die möglichst kurios-bizarr kreuz und quer abgeschnittenen Schnipsel in einer Schüssel zu sammeln, angeblich als Salat für meine Puppen. Mir ist aber deutlich in Erinnerung, dass der Vorgang des möglichst schnellen Zerschneidens und das Streben nach besonders eigenartig geformten Abschnitten mein Hauptvergnügen war. Die Angabe „für meine Puppen“ stellt sich mir als eine Ausrede dar, um den vermutlich staunend lächelnden Erwachsenen auf ihre Frage nach Zweck und Ziel dieser – ansonsten als unsinnig einzustufenden — Tätigkeit eine für sie zufriedenstellende Antwort zu geben. Ich lebte wohl wie jedes Kind in einer eigenen Welt, unterhielt mich auch mit einer unsichtbaren Freundin, herrschte meine Mutter an, wenn sie sich auf einen Platz setzte, den eben diese in meiner Phantasie innehatte: „Siehst du denn nicht, dass da meine Freundin sitzt?“ Sie hatte auch einen Namen, den ich nicht mehr weiß. Gern baute ich meine Märchenpuzzles zusammen, die aus quadratischen bebilderten Holzkuben bestanden, auf jeder Seite ein anderes Märchen. Sehr geliebt wurden die Bändchen der „Hasenschule“, von denen Rudolf mir kürzlich einen Nachdruck geschenkt hat.
Wundervoll war das Kuchenbacken, ich immer daneben, und meine Mutter erläuterte stets, was sie tat, so dass sich mir eigentlich von früh auf eingeprägt hat, dass man das Mehl samt Backpulver zu sieben hat, dass zuerst Butter und Zucker mit Zitronensaft schaumig gerührt werden, die Eier dazu kommen. Dass Rosinen überbrüht werden müssen, um aufzugehen, d.h. weich zu werden, Mandeln ebenso, damit man die Haut abziehen kann usw. Der Duft der Zutaten, das Ausschlecken der Schüssel oder das Stibitzen von Streuseln waren natürlich die Begleitmusik. Im Übrigen hatten wir keine Möglichkeit, die Kuchen selbst abzubacken, man brachte die Kuchenformen zum Bäcker namens Genießer (!) um die Ecke. Dort sammelten sich zum Wochenende bis zu einem bestimmten Zeitpunkt am Vormittag unzählige Formen unterschiedlichster Art, auch ganze Kuchenbleche zum „Abbacken“ mit in den Teig versenkten Nummern- oder Namenszettelchen – und wurden am Nachmittag wieder abgeholt, was bei uns meiner Schwester Traute oblag, in deren Schlepptau ich dann mitging.
Während des Krieges packte meine Mutter des Öfteren ein Päckchen für meinen Vater, meistens mit einem Königskuchen darin, auch dies ein spannender Vorgang, bei dem ich lernte, wie man Schnur bindet und befestigt, hieß es doch dann immer: „Erikachen, du hast so schöne kleine Finger, zieh mal hier die Schnur durch!“ Oder ich musste meinen Daumen fest, eher krampfhaft, auf einen Knoten pressen, damit er beim Weiterziehen nicht aufging.
In dieser Küche stand auch der kleine Volksempfänger, aus dem das „Wunschkonzert“ erklang und die Sondermeldungen, an denen mich besonders die „versenkten Bruttoregistertonnen“ faszinierten, unter denen ich mir nun gar nichts vorstellen konnte. Als das Gerät einmal streikte und von dem befreundeten Herrn Blohm repariert wurde, nahm ich staunend zur Kenntnis, dass man die Rückseite aufschrauben konnte, „um mal nachzusehen“. Welche Enttäuschung! „Aber da sind ja gar keine Leute drin!“ soll ich gesagt haben. Die mediale Welt nahm einen schon damals ganz schön gefangen.
Bei meinem Onkel Fritz in der Stromstraße, Vaters ältestem Bruder, der bereits den Ersten Weltkrieg mitgemacht und ein durchschossenes Trommelfell mitgebracht hatte, existierte ein hochfeudales Grammophon im Holzschrank mit Kurbel, auf dem Schallplatten mit dem berühmten Hund auf dem Label abgespielt wurden. Die Schlager von Marika Rökk, Zarah Leander, Lale Andersen, die man andauernd hörte, waren mir so vertraut, dass erzählt wird, ich hätte, auf dem Nachttopf sitzend, laut „es wird einmal ein Wunder geschehen“ gesungen…
Ein ganz besonderes Kapitel aber war natürlich der Ufa-Palast in der Turm- Ecke Stromstraße, zuerst wegen der fast an jedem Sonntag zur Matinee eingesogenen Märchenfilme, wobei die Spannung bis zum Beginn der Vorstellung offenbar so unerträglich stieg, dass meine mich begleitende Schwester Traute eines Tages – wir saßen, ich weiß es noch genau, im ersten Rang in einer rotsamtenen Loge! – einen Wecker aus der Tasche zog, um uns genau zu unterrichten. Schneeweißchen und Rosenrot mit ihrem Braunbären waren, glaube ich, meine Lieblinge. Andere Filme, wo der böse Wolf, ein ebensolcher Fuchs oder Rumpelstilzchen auftauchten, der süße Brei überlief, Aschenputtel leiden musste, Dornröschen von der bösen Fee verfolgt wurde, die Pechmarie und die Goldmarie ihre liebe Not hatten – waren höchster Nervenkitzel, aber vielleicht sogar den Gefühlen bei Bombenalarm allzu ähnlich.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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Unter Verwendung eines Fotos von Friedrich Magnussen / CC BY-SA 3.0 DE

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