3 • Papiersalat und Marika Rökk

Die erwähnte Holz­bank diente mir im Übri­gen auch als Spiel­tisch. Ich saß dann auf einer Fußbank davor, ordnete die mir über­las­se­nen Papiere, welche ich zu zerschnei­den gedachte, um die möglichst kurios-bizarr kreuz und quer abge­schnit­te­nen Schnip­sel in einer Schüs­sel zu sammeln, angeb­lich als Salat für meine Puppen. Mir ist aber deut­lich in Erin­ne­rung, dass der Vorgang des möglichst schnel­len Zerschnei­dens und das Stre­ben nach beson­ders eigen­ar­tig geform­ten Abschnit­ten mein Haupt­ver­gnü­gen war. Die Angabe „für meine Puppen“ stellt sich mir als eine Ausrede dar, um den vermut­lich stau­nend lächeln­den Erwach­se­nen auf ihre Frage nach Zweck und Ziel dieser – ansons­ten als unsin­nig einzu­stu­fen­den — Tätig­keit eine für sie zufrie­den­stel­lende Antwort zu geben. Ich lebte wohl wie jedes Kind in einer eige­nen Welt, unter­hielt mich auch mit einer unsicht­ba­ren Freun­din, herrschte meine Mutter an, wenn sie sich auf einen Platz setzte, den eben diese in meiner Phan­ta­sie inne­hatte: „Siehst du denn nicht, dass da meine Freun­din sitzt?“ Sie hatte auch einen Namen, den ich nicht mehr weiß. Gern baute ich meine Märchen­puz­zles zusam­men, die aus quadra­ti­schen bebil­der­ten Holz­ku­ben bestan­den, auf jeder Seite ein ande­res Märchen. Sehr geliebt wurden die Bänd­chen der „Hasen­schule“, von denen Rudolf mir kürz­lich einen Nach­druck geschenkt hat.

Wunder­voll war das Kuchen­ba­cken, ich immer dane­ben, und meine Mutter erläu­terte stets, was sie tat, so dass sich mir eigent­lich von früh auf einge­prägt hat, dass man das Mehl samt Back­pul­ver zu sieben hat, dass zuerst Butter und Zucker mit Zitro­nen­saft schau­mig gerührt werden, die Eier dazu kommen. Dass Rosi­nen über­brüht werden müssen, um aufzu­ge­hen, d.h. weich zu werden, Mandeln ebenso, damit man die Haut abzie­hen kann usw. Der Duft der Zuta­ten, das Ausschle­cken der Schüs­sel oder das Stibit­zen von Streu­seln waren natür­lich die Begleit­mu­sik. Im Übri­gen hatten wir keine Möglich­keit, die Kuchen selbst abzu­ba­cken, man brachte die Kuchen­for­men zum Bäcker namens Genie­ßer (!) um die Ecke. Dort sammel­ten sich zum Wochen­ende bis zu einem bestimm­ten Zeit­punkt am Vormit­tag unzäh­lige Formen unter­schied­lichs­ter Art, auch ganze Kuchen­ble­che zum „Abba­cken“ mit in den Teig versenk­ten Nummern- oder Namens­zet­tel­chen – und wurden am Nach­mit­tag wieder abge­holt, was bei uns meiner Schwes­ter Traute oblag, in deren Schlepp­tau ich dann mitging.

Während des Krie­ges packte meine Mutter des Öfte­ren ein Päck­chen für meinen Vater, meis­tens mit einem Königs­ku­chen darin, auch dies ein span­nen­der Vorgang, bei dem ich lernte, wie man Schnur bindet und befes­tigt, hieß es doch dann immer: „Erika­chen, du hast so schöne kleine Finger, zieh mal hier die Schnur durch!“ Oder ich musste meinen Daumen fest, eher krampf­haft, auf einen Knoten pres­sen, damit er beim Weiter­zie­hen nicht aufging.

In dieser Küche stand auch der kleine Volks­emp­fän­ger, aus dem das „Wunsch­kon­zert“ erklang und die Sonder­mel­dun­gen, an denen mich beson­ders die „versenk­ten Brut­to­re­gis­ter­ton­nen“ faszi­nier­ten, unter denen ich mir nun gar nichts vorstel­len konnte. Als das Gerät einmal streikte und von dem befreun­de­ten Herrn Blohm repa­riert wurde, nahm ich stau­nend zur Kennt­nis, dass man die Rück­seite aufschrau­ben konnte, „um mal nach­zu­se­hen“. Welche Enttäu­schung! „Aber da sind ja gar keine Leute drin!“ soll ich gesagt haben. Die mediale Welt nahm einen schon damals ganz schön gefan­gen.

Bei meinem Onkel Fritz in der Strom­straße, Vaters ältes­tem Bruder, der bereits den Ersten Welt­krieg mitge­macht und ein durch­schos­se­nes Trom­mel­fell mitge­bracht hatte, exis­tierte ein hoch­feu­da­les Gram­mo­phon im Holz­schrank mit Kurbel, auf dem Schall­plat­ten mit dem berühm­ten Hund auf dem Label abge­spielt wurden. Die Schla­ger von Marika Rökk, Zarah Lean­der, Lale Ander­sen, die man andau­ernd hörte, waren mir so vertraut, dass erzählt wird, ich hätte, auf dem Nacht­topf sitzend, laut „es wird einmal ein Wunder gesche­hen“ gesun­gen…

Ein ganz beson­de­res Kapi­tel aber war natür­lich der Ufa-Palast in der Turm- Ecke Strom­straße, zuerst wegen der fast an jedem Sonn­tag zur Mati­nee einge­so­ge­nen Märchen­filme, wobei die Span­nung bis zum Beginn der Vorstel­lung offen­bar so uner­träg­lich stieg, dass meine mich beglei­tende Schwes­ter Traute eines Tages – wir saßen, ich weiß es noch genau, im ersten Rang in einer rots­am­te­nen Loge! – einen Wecker aus der Tasche zog, um uns genau zu unter­rich­ten. Schnee­weiß­chen und Rosen­rot mit ihrem Braun­bä­ren waren, glaube ich, meine Lieb­linge. Andere Filme, wo der böse Wolf, ein eben­sol­cher Fuchs oder Rumpel­stilz­chen auftauch­ten, der süße Brei über­lief, Aschen­put­tel leiden musste, Dorn­rös­chen von der bösen Fee verfolgt wurde, die Pech­ma­rie und die Gold­ma­rie ihre liebe Not hatten – waren höchs­ter Nerven­kit­zel, aber viel­leicht sogar den Gefüh­len bei Bomben­alarm allzu ähnlich.

Erika G.: Pritz­wal­ker Straße 5
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Unter Verwen­dung eines Fotos von Fried­rich Magnus­sen / CC BY-SA 3.0 DE

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