Ganz früh die Erinnerung an den Kriegsausbruch, oder besser gesagt den Tag, als wir Abschied nahmen von meinem Vater, der in der Sickingenstraße auf dem stillgelegten Bahngelände mit seinen Kameraden auf den Abmarsch wartete. Wir saßen dort in einem Garten unter Sonnenschirmen auf Gartenstühlen an kleinen Tischen, alle Familien waren gekommen, es gab etwas zu trinken und „Kommissbrot“, wieder so ein Wunderwort! Mein Vater nahm mich bei der Hand und führte mich zu einem winzigen Goldfischteich, um mir die hin und her flitzenden Fischchen zu zeigen, eine mir eigentümlich innig erinnerbare Szene. Kurz darauf war er weg, trat ab und an „auf Urlaub“ in Erscheinung, schickte Stoffe oder ähnliches aus Belgien, aus Polen.
Meine älteste Schwester soll, wie ich erst 2008 erfahren habe, im Besitz eines echten Straußenfächers mit Goldbeschlag aus diesen „Beutegütern“ sein, den sie bzw. ihr Mann hat reinigen und aufarbeiten lassen. Wahrscheinlich hat ihn mein Vater für Ota mitgebracht, denn da musste es schon etwas Besonderes sein. Aus Russland kam dann nichts mehr … da war wohl auch nichts zu holen. Kälte, Schlamm und vom Ofen herab Sonnenblumenkerne spuckende arme Bauern, denen mitunter von deutschen Soldaten ein Kanten Brot zugesteckt wurde – heimlich, versteht sich. Zur Konfirmation meiner ältesten Schwester Inge im Frühjahr 1940 (oder 1941?) in der noch unversehrten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (die letzte Konfirmation war es angeblich dort), hatte mein Vater für wenige Tage Sonderurlaub erhalten und überraschte die zu Tränen gerührte Tochter beim Einzug der Konfirmanden unter den auf den Kirchenstufen Spalier Stehenden, in Uniform, natürlich. Sie selbst erzählte mir jetzt als alte Frau, es habe sie aus ihrer Konzentration gerissen, als Vati sie am Kleid zog, um auf sich aufmerksam zu machen.
Mir selbst wurden dem Vernehmen nach während dieser Urlaubstage häufig Zurechtweisungen zuteil, so dass ich meine Mutter nach einem tränenreichen Abschied einmal gefragt haben soll, warum sie denn immer heule, wenn er wegfährt: „Der haut mich doch bloß immer!“ Eigenartig war jedenfalls stets der Geruch, den er mitbrachte, die Uniform und er selber hatten ja bei der Rückreise jedes Mal eine Entlausungsprozedur hinter sich. Überhaupt zeichnete sich dieser Mann, der mein Vater war, durch einen ganz anderen Körpergeruch aus als meine Mutter, soviel war gewiss, beeinträchtigte aber nicht im Mindesten das morgendliche Kuscheln im Bett. Läuse hatte ich übrigens auch. Es war damals eine Art Epidemie. Zur Bekämpfung wurden die Haare mit einem schrecklich stinkenden Elixier gewaschen und jeden Tag mit einem Spezialläusekamm (ganz enge kleine Zähne) ausgekämmt, um die Nissen zu entfernen und so der Vermehrung der lieben Tierchen zu steuern!
An gemütliche Abende im großen Bett bei meiner Mutter erinnere ich mich lebhaft: zumal als meine Schwester Traute im KLV-Lager (Kinderlandverschickung) war, ich die Masern und Keuchhusten hatte und wir emsig den ersten Nesthäkchen-Band von Else Ury lasen, nicht ahnend, dass diese verehrte Schriftstellerin als Jüdin bereits schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt war. Der Band stammte wahrscheinlich aus Otas Bibliothek, denn ich weiß nicht, ob man damals noch Bücher von Else Ury kaufen konnte. Sie war jedenfalls äußerst beliebt und sicherlich mitverantwortlich für meinen später geäußerten Wunsch, einmal Schriftstellerin zu werden. 1946 fertigte ich für eine Klassenkameradin noch in der Volksschule eine handgeschriebene Geschichte mit besonders verziertem Titelblatt an, per Nähnadel geheftet, ein Geburtstagsgeschenk, das den unschlagbar einfallsreichen Titel trug: „Veronikas Lebenslauf“…
Hier im Bett „schrieb“ ich auch einen langen Brief an meine Schwester Traute im KLV-Lager: mehrere Seiten voller Schlangenlinien im Zeilenformat – steht mir noch jetzt vor Augen. Zu dieser Zeit muss es auch gewesen sein, dass mich der Keuchhusten plagte. Wenn wir unterwegs waren, musste ich andauernd stehen bleiben, um zu husten und auszuspucken. Es dauerte wohl ein Vierteljahr! Was man heute gar nicht mehr sieht: Damals wurden Kleinkinder, um ihr Bedürfnis zu erledigen, umstandslos an einen Baum geführt und „abgehalten“, wie es hieß, d.h. Hose runter, Schlüpfer runter, Kind mit beiden Händen halbhoch gehoben, fertig. Niemand nahm daran Anstoß. Natürlich sehr hinderlich: wenn’s etwa regnete! Dabei fällt mir noch ein, dass es damals für Regentage sogenannte Überschuhe gab, für Kinder wie für Erwachsene. Sie bestanden aus relativ dünnem flexiblem Gummi, meist schwarz, wurden über den normalen Schuh gezogen und seitlich geknöpft, wozu es sogar ein Extra-Instrument gab, mit dem man den Knopf geschickt durch die kleinen Schlingen für jeden Knopf ziehen konnte.
Erika G.: Pritzwalker Straße 5
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Unter Verwendung eines Fotos von Koch, Bundesarchiv, Bild 101I-219–0553A-10 / CC-BY-SA 3.0

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