Die Geschichte der aus dem Sudan stammenden Familie Fadlalla ist ein stiller Beweis dafür, wie Integration gelingen kann.
Christoph Hein zieht in seinem gleichnamigen, 2025 erschienenen Roman eine Parallele zu Sebastian Brants spätmittelalterlichen Werk „Das Narrenschiff“.
Ist es wirklich ein Narrenschiff? Dieses Schiff liegt noch immer ruhig auf der Meeresoberfläche, wiegt sich im Rhythmus der Wellen und widersteht Stürmen und Zeiten. Es wird nicht untergehen, sondern sicher einen Hafen erreichen.
Der demokratische Sozialismus bleibt ein Menschheitstraum – ein Entwurf für eine Ordnung, die sich von ihren Unzulänglichkeiten befreien und den Werten von Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und sozialem Wohlstand zum Durchbruch verhelfen könnte. Der Kapitalismus hingegen erneuert seine Haut nur, um brutaler, ungerechter und erbarmungsloser zu werden. Ein Blick auf die weltpolitischen Ereignisse der Gegenwart genügt.
Während ich Christoph Heins Roman „Das Narrenschiff“ las und in seine vielschichtigen Welten eintauchte, verfolgte ich neugierig die Reisewege der Passagiere, als wäre ich einer von ihnen, als bewegte ich mich zwischen ihnen und erkannte ihre Gesichter in den Zeilen wieder. Ich stellte mir vor, selbst an Bord dieses Schiffes zu sein und ihre Reise wie ihr Schicksal zu teilen.
Die Deutsche Demokratische Republik war meine erste Station auf dem europäischen Kontinent. Ich kam im Frühjahr meiner Zwanziger an – jung, voller Hoffnung und Erwartungen. Halle an der Saale, diese kleine, geschichtsträchtige Stadt, zog mich sofort in ihren Bann. Hier wurde Georg Friedrich Händel geboren, und hier durfte ich an der renommierten Martin-Luther-Universität studieren.
Meine schönsten Jahre verbrachte ich in Halle, mitten in einer politischen Aufbruchszeit, in der die Stimmen der nationalen Befreiungsbewegungen zu hören waren und der Ruf nach Frieden und globaler Solidarität immer deutlicher wurde. Ich begegnete Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, deren Gesichter sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt haben. Ich lebte in einem Gefühl der Sicherheit und teilte den Traum einer hellen Zukunft – trotz des unablässigen Rauschens des Kalten Krieges.
Als ich später nach Europa zurückkehrte, führte mich mein Weg nach West-Berlin – in das sogenannte „Paradies des Kapitalismus“. Dort erwarb ich meinen Facharzttitel an der Medizinischen Fakultät der Freien Universität Berlin sowie meine Promotion. Im Jahr 2025 nahm die Universität mich in die Feierlichkeiten zum Goldenen Promotionsjubiläum auf, und ich erhielt meine Jubiläumsurkunde aus den Händen des Universitätspräsidenten – ein Moment tiefen persönlichen Glücks.
Mein Sohn studierte Informatik, Mathematik und Physik an derselben Universität. Heute unterrichtet er an einem Berliner Gymnasium Mathematik und Physik und ist zugleich stellvertretender Schulleiter.
Von Zeit zu Zeit kehrte ich nach Halle zurück, atmete den Duft alter Erinnerungen ein und ließ im Herzen das Echo meiner Jugendjahre aufleben. Heute lebt diese Erinnerung in neuer, strahlender Form fort: Meine Enkelin setzt unseren Weg an der Martin-Luther-Universität fort. Sie studiert an der Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften, Institut für Geographie und Anthropologie.
Kürzlich stellte sie in einem Seminar eine Forschungsarbeit mit dem Titel „Religiöse Vielfalt in postimmigrationellen Räumen“ vor – mit einem kurzen Abschnitt über die Biografie ihres Großvaters. Es war, als würde sich der Faden der Erinnerung über Generationen hinweg weiterspannen, als verschmölzen Vergangenheit und Gegenwart, und die Nostalgie verwandelt sich in eine Fackel, die den Weg erhellt.
So setzt sich die Geschichte meiner Familie fort – ein stiller Beweis dafür, wie erfolgreich Integration gelingen kann und wie vielschichtig die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft wachsen kann.
Hamid Fadlalla
Geboren 1936 im Sudan, Gynäkologe. Seit seiner Schulzeit hat er deutschsprachige Dichter und Denker gelesen.
Grafik: Thomas Bühler
Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

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