Eine Vision vom guten Leben

Vor 50 Jahren veröffentlichte Ernest Callenbach seinen Zukunftsroman „Ökotopia“. Aus dem Buch kann heute noch Impulse für reale Veränderungen ziehen.

In einer Zeit wie dieser, in der negative Nachrichten und Zukunftsaussichten vorherrschen und zahlreiche Menschen aus Selbstschutz Nachrichtensendungen meiden, ist es besonders sinnvoll, sich positiven Zukunftsentwürfen zuzuwenden.

In den 70er-Jahren gab es im Gegensatz zu heute eine kulturelle Aufbruchstimmung, die vor allem von zivilgesellschaftlichen Aktivitäten gespeist wurde. Verschiedene neue soziale Bewegungen erzeugten innovative Ideen und Weltbilder, Emanzipation und „Demokratie wagen“ waren an der Tagesordnung. Und inmitten dieser Atmosphäre wurde 1975 ein Zukunftsroman geschrieben, der zum Klassiker geworden ist.

Vor genau 50 Jahren veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller, Journalist und Filmdozent Ernest Callenbach (1929–2012) in den USA sein Buch „Ecotopia“. Die großen Verlage waren nicht interessiert, aber als er den Roman im Selbstverlag publizierte, waren seine Leser begeistert, er wurde zu einem Underground-Hit. Die New York Times bezeichnete die in „Ökotopia“ beschriebene Gesellschaft als „eine Mischung aus skandinavischem Sozialismus und nordkalifornischen Zurück-auf-das-Land-Ideen, mit dem Usus … vor Ort angebaute Produkte zu essen“.

Woher der Antrieb für ein solches Buch bei ihm kam, erzählte Callenbach 1982: „Ich wuchs als Country Boy in der Mitte Pennsylvanias auf und zog als Student nach Chicago und lebte dort in einem der schrecklichsten Slums der westlichen Hemisphäre. Ich habe also beide Seiten kennengelernt, die landwirtschaftliche Vergangenheit unseres Landes und die schreckliche industrielle Gegenwart. Und das hat sich wohl irgendwie in meinem Gehirn festgesetzt, dass wir diese beiden Seiten in neuer Form zusammenbringen müssen. Aber eben im Kontext einer hoch technologisierten und städtischen Gesellschaft. Was ‚Ökotopia‘ wirklich ist, ist der Versuch, dieses Stadt-Land-Problem zu lösen, um ökologisch sensibel leben zu können.“

Abspaltung von den USA

Auf Deutsch erschien das Buch dann 1978 beim Rotbuch-Verlag Berlin unter dem Titel „Ökotopia. Notizen und Reportagen von William Weston aus dem Jahre 1999“. Darin erzählt Callenbach die fiktive Geschichte des Reporters Weston, der als erster amerikanischer Journalist in die abgespaltene Nation Ökotopia reisen darf. Denn fast 20 Jahre zuvor, im Jahr 1980, trennten sich – so die Geschichte – die Westküstenstaaten Washington, Oregon und Nordkalifornien von den restlichen USA. Dann aber gab es politische Andeutungen, dass „irgendeine inoffizielle Figur ganz formlos, also z.B. ein Reporter, dort ein wenig herumschnüffelt“. Und ein Ziel bestand darin, in einem Gespräch mit der Präsidentin von Ökotopia, Vera Allwen, zu erfahren, ob es denn Chancen für eine Wiedervereinigung geben würde. Deshalb reiste Weston für sechs Wochen in das „verbotene Land“ Ökotopia.

Für die Trennung von den USA gab es mehrere Gründe. So verlief die weitergehende Industrialisierung in den USA überaus rücksichtslos, gesundheitsschädliche Umweltkatstrophen nahmen zu, die sozialen Zustände verschlechterten sich sehr, und die Gesellschaft polarisierte sich unaufhaltsam. Weil die Regierung nichts dagegen tat, sondern sogar alternative Lösungsversuche und Reformen behinderte, bildete sich eine „Überlebenspartei“ und kämpfte schließlich für die Lostrennung von den anderen Bundesstaaten und dem zerstörerischen American Way of Life.

Die Trennung verlief nicht ohne Spannungen und Konflikte mit der US-Regierung. Denn sie war gerade mit zwei anderen Kriegen und internen Krisen belastet. Zwischendurch plante sie zwar auch einen „Hubschrauberkrieg“ beziehungsweise einen massiven „geheimen Großangriff“ gegen die Abtrünnigen im Westen, setzte dies aber nicht um.

Von solch äußerer Bedrohung abgesehen war es ein komplexes Unterfangen, eine andere, bessere Gesellschaft aufzubauen mit neuen Denk- und Verhaltensweisen in fast allen Bereichen des Lebens und der Arbeit. So gab es in Ökotopia in der Anfangszeit eine Flut von Innovationen, neuen Verfügungen, Aufklärungskampagnen, Verboten, aber auch Kapitalflucht. Dies zum Beispiel führte erstaunlicherweise dazu, dass die Menschen „spontan begannen, die (verlassenen) Farmen, Fabriken und Geschäfte in Besitz zu nehmen – unter Kontrolle der örtlichen Behörden und Gerichte“.

Zahlreiche solcher Veränderungen, die mit den früheren Verhältnissen kontrastierten, von außen und gerüchteweise geradezu als exotisch und irrwitzig erschienen, beschreibt Weston in Form von Reportagen und Tagebucheintragungen. Er schildert dabei umweltschonende Energiewirtschaft, nachhaltiges Bauwesen, eine Abkehr von der Wegwerfgesellschaft.

Anfangs betrachtet Weston Ökotopia distanziert, kritisch und skeptisch. Doch im Laufe seiner Reise und des Berichtes spürt man seine Faszination und zunehmende Wertschätzung für diese neue Lebensweise in Harmonie und Zufriedenheit. Das mag auch mit der inniger werdenden Beziehung zu einer selbstbewussten Ökotopianerin zusammenhängen.

Weston schildert seine Besuche, Besichtigungen und Begegnungen in dieser alternativen Gesellschaft sehr anschaulich, beschrieben werden das selbstverständliche Recyceln von Ressourcen, gemeinschaftliche Formen in der Wirtschaft, die Dezentralisierung von Entscheidungsprozessen, nachhaltige Stadtplanung, Ressourcennetzwerke, Gemeinschaftsorientierung und selbstverständliche politische Partizipation.

Die Straßen kommen Weston wie „ein einziges großes Wohnzimmer“ vor, es herrscht Entspanntheit, nirgends sind Wachposten, Sicherheitskräfte oder Schutzvorrichtungen zu sehen. Es gibt autofreie Zonen, gut ausgebaute Kleinbusnetze und Fahrräder für kostenlose Nutzung. Das Fahrrad werde als „präventives Transportmittel“ präferiert, zumal es hinsichtlich Energieverbrauch pro Person und Kilometer das effektivste Fortbewegungsmittel überhaupt sei.

Im Bereich Nahrungsmittelversorgung werden im jeweiligen lokalen Umland die landwirtschaftlichen Produkte produziert, per Container in die Städte gebracht und dann dort mittels „unterirdischem Förderbandsystem“ verteilt.

Innovationen gibt es unter anderem im Bereich der Produktion von Kunststoffen. Sie werden ausschließlich aus Pflanzen hergestellt und sind somit biologisch abbaubar und verwesungsfähig. Dazu heißt es: „Die Ökotopianer haben nach ihren eigenen Angaben die moderne Technik gesichtet und den größten Teil davon als ökologisch schädlich verworfen.“

Einige Erfindungen sind – 1975 beschrieben – besonders bemerkenswert, wie beispielsweise der sogenannte Zweiwegfernseher. Das ist ein damals zukunftsweisendes Unterhaltungssystem, ein interaktiv-personalisierter Fernseher, der Inhalte vermittelt, aber auch gleichzeitig direkten Einfluss auf gesellschaftliche oder ökologische Prozesse ermöglicht – also mediengestützte Partizipation statt rein passiver Rezeption.

Darüber hinaus wurde die 20-Stunden-Woche eingeführt, woraus sich eine andere Arbeitskultur mit weniger Stress entwickelte. Das gemeinschaftliche und zugleich politische Verhalten der Einzelnen beschreibt Callenbach nicht als Resultat einer abstrakten Norm oder eines Zwangs, sondern als eine Kultur, in der Bedürfnisse in neuer Weise befriedigt werden.

Der Journalist Weston hebt hervor, dass überall Musik, Tanz, Kunst zu erleben sei, es gibt überall Musikgruppen, und sogar klassische Musik wird an vielen Orten gespielt. Es hat sich eine deutliche Lässigkeit und Entspanntheit entwickelt.

Der Militärapparat in Ökotopia ist sehr klein, was auch möglich wurde durch ein Friedensabkommen mit dem problematischen Nachbarn USA. Und schließlich haben „die Survivalist Party und die sozialen Entwicklungen allgemein eine Gesellschaft geschaffen, in der die objektive Situation der Frau derjenigen der Männer gleich ist“.

Manche dieser zukünftigen Innovationen wurden in den 70er-Jahren bereits diskutiert, es wurde viel experimentiert und teilweise auch in einzelnen Projekten praktiziert. Daher ist Callenbachs Utopiebuch zwar einerseits ein Reisebericht wie bei klassischen Science-Fiction-Werken üblich, zugleich aber eine Art Kompendium von sozialen, kulturellen und technologischen Neuerungen. Die Bewohner von Ökotopia werden als aufgeschlossene, kreative und aktive Bürger mit sozialer und ökologischer Verantwortung charakterisiert, die auftretende Probleme gemeinsam anpacken und mit Teamgeist zu bewältigen versuchen.

Darüber hinaus beschreibt Weston seinen kontinuierlichen persönlichen Lernprozess, der ihn als ganzheitlichen Menschen involviert, also alle seine Sinne, Denkgewohnheiten und Verhaltensmuster berührt. Und schließlich bietet die Lektüre dieses Werkes die Chance für die Lesenden zu eigenen Lernprozessen, weil viele Ideen auch in ihrem jeweils konkreten Sinn und in ihren Zwecken, mit ihren Vorteilen und auch mit ihren Problemen beschrieben werden.

Die Schwerkraft überwinden

Aus der Zukunfts- und Transformationsforschung wissen wir, wie schwach das allgemeine Vorstellungsvermögen entwickelt ist, also die Fähigkeit, sich andere Verhältnisse vorzustellen. Und für reale Veränderungen und Verbesserungen mangelt es häufig auch an Mut und Willen. Dabei gilt es, die Schwerkraft des Hier und Jetzt und eines Es-war-schon-immer-so zu überwinden. Um diese Art Schallmauer zu durchbrechen, helfen besondere Impulse. „Ökotopia“ hat Potenzial, solche Impulse zu geben. Die Bedeutung des Buches gründet auf seiner lebendigen Vorstellung einer alternativen ökologischen Lebens- und Produktionsweise, wobei auch die Probleme und der Umgang damit geschildert werden.

Bemerkenswert ist, dass Callenbach einige Jahre nach dem Erscheinen von „Ökotopia“ auf vielfachen Wunsch hin 1981 ein Nachfolgebuch vorlegte. Mit „Ein Weg nach Ökotopia“ beschreibt er die fiktive Entstehungsgeschichte des Systems Ökotopia, also mit welchen Schritten und Maßnahmen eine solche alternative Gesellschaft geschaffen werden konnte. Diese große Frage nach dem Wie ansatzweise zu beantworten, ist hilfreich. Häufig werden schöne Zukunftsbilder entworfen, ohne die Frage zu beantworten, wie und mit wem wir dorthin kommen könnten.

Diese Mühe, passende Vorstellungen für solche komplexen Veränderungsprozesse und Transformationen zu formulieren, wird heute immer wichtiger. Auch nach einem halben Jahrhundert lohnt die Lektüre von „Ökotopia“ sehr. Vor allem in düsteren, restaurativen Zeiten, in denen eine Abkehr vom American Way of Life überlebensnotwendig wird.

Edgar Göll
Soziologe. Als Transformations- und Zukunftsforscher ist er in Berlin und international tätig.

[ Dieser Text erschien zuerst in der Berliner Zeitung und steht unter der Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 ]

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